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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Religion und die Sittlichkeit.

nicht nur zur Befestigung der sittlichen Rechtsordnung beigetragen,sondern auch bei der Erweckung aller jener Triebe mitgewirkt hat,die sich in der selbstlosen Hingabe für fremde und für allgemeineZwecke bethätigen. Pflichtgefühl und Vaterlandsliebe in der Form,wie der Culturmensch sie kennt, sind dem Naturmenschen fremd,weil bei ihm alle Gemeinschaftsgefühle in die Schranken persön-licher Neigung und Abneigung eingeengt bleiben. Von der Pietätgegen die Eltern, der Demuth vor den Gebietenden und der Be-wunderung der Tüchtigsten können allmählich erst die allgemeinerensocialen und humanen Triebe sich ablösen, die aber im indivi-duellen Fall immer wieder nach einer persönlichen Verkörperungstreben.

Während wir nach allem diesem den religiösen Anschauungender Naturvölker nur Andeutungen hinsichtlich der Einflüsse ent-nehmen können, welche die Ahnenverehrung auf das sittliche Be-wusstsein ausübt, so erscheinen dagegen diese Einflüsse voll ent-wickelt bei jenen Culturvölkern, bei denen die religiöse Er-innerung an die Vorfahren bleibend zu einem hervortretenden Be-standtheil von Cultus und Sitte geworden ist. Ein sprechenderZeuge ist das Chinesenthum. Die Religion des Confucius hathier, nach einem ihm selbst in den Mund gelegten Ausspruch, nurdie in dem Volke ursprünglich lebenden Vorstellungen gesammeltund, wie wir nicht zweifeln dürfen, veredelt, indem sie die An-betung der Vorfahren, vor allen der an Weisheit und Tugend her-vorragenden Herrscher, zum Mittelpunkt, ja fast zum ausschliess-lichen Gegenstand des Cultus machte. Das pietätvolle Familien-leben des Chinesen, die patriarchalische Ordnung von Staat undGesellschaft, die Heilighaltung der überkommenen Sitte sind dieReflexe dieser nüchternen, aber durch die energische Hinweisungauf grosse Vorbilder tugendhafter Lebensführung dennoch sittlichwirkungsvollen Religionsanschauung. Ein erdrückender Despotis-mus und ein peinliches Festhalten am Herkommen, welches dieindividuelle Geistesfreiheit in Fesseln legt, bilden die Kehrseitendieses Einflusses.

Unter den westländischen Culturvölkern aber hat keines dieElemente einer ursprünglichen Ahnenverehrung, trotz vielfacher trü-bender Einwirkungen von aussen, treuer bewahrt als die Römer.Ihre Genien, Laren, Penaten und Manen sind unverkennbar nurverschiedene Gestaltungen, in die sich die Vorstellung der Seele desVerstorbenen nach ihrer Beziehung zu den Lebenden scheidet, mag