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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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296
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Die christliche Ethik.

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Zweites Capitel.

Die christliche Ethik.

1. Die allgemeinen Grundlagen der christlichen Ethik.

Die religiöse und sittliche Weltanschauung des Christenthumsentfernt sich von der Auffassung der antiken Ethik hauptsächlich indrei Beziehungen.

Für das Verhältniss des Menschen zu Gott war dem Alter-thum wie jeder ursprünglichen Religionsanschauung das herrschendeMotiv die Furcht gewesen. Ihr, die auch die jüdischen Gottes-vorstellungen leitet, stellt die Lehre Christi das Motiv der Liebeentgegen, indem sie das Yerhältniss von Gott und Mensch dem desVaters zum Kinde vergleicht. Dieser Gedanke der gemeinsamen Gottes-kindschaft verändert aber seinerseits die bisher gültigen Humanitäts-vorstellungen. Für das Verhältniss des Menschen zum Menschenverschwinden die Schranken der Nationalität und des Standes, undwird dagegen ausschliesslich massgebend das Motiv der Glaubens-gemeinschaft, die als die Form gilt, in welcher die gemeinsameGotteskindschaft sich bethätigen müsse. Von dem Gedanken derGotteskindschaft und der Glaubensgemeinschaft, deren äusseres Organdie Kirche wurde, sind endlich die Vorstellungen erfüllt, die sichinnerhalb der christlichen Weltanschauung über den Ursprung unddie künftigen Schicksale des Menschen entwickelten. Könnendie Gotteskindschaft und die Glaubensgemeinschaft nur als geistigeVerhältnisse gedacht werden, so tritt um so mehr die sinnliche zurgeistigen Natur des Menschen in einen Gegensatz, der dem sittlichenGegensatz des Bösen und Guten gleichgestellt wird, eine Anschauung,zu welcher bereits die heidnische Philosophie in manchen ihrer Rich-tungen den Grund gelegt hatte. Die Abhängigkeit der geistigen vonder sinnlichen Natur wird nun im Anschlüsse an Platonische Ge-danken als eine Unterjochung empfunden, die an allem Uebel in derWelt Schuld trage. Aber das Evangelium der Gotteskindschaft duldetnicht, dass diese Unterjochung von jeher gewesen, noch dass sie eineimmerwährende bleiben werde. Bot sich der altorientalische Mythusvon Paradies und Sündenfall, um den ursprünglichen Abfall von Gottbegreiflich zu machen, so gaben auf der andern Seite die geläufigenVorstellungen von Hades und Elysium einen gefügigen Stoff ab, umdie verheissene und gehoffte Erlösung neu zu beleben.