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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

Vorstellungen besitzen, bleibt unzweifelhaft, ob nun die religiösenEinwirkungen als bleibende oder als bloss vorübergehende angesehenwerden. Jene Streitfrage selbst aber wird sich erst auf Grund derUntersuchung dieser beiden Classen vorherrschender Motive, derreligiösen und der socialen, beantworten lassen. So fordert dievorangegangene Betrachtung der religiösen Beziehungen des sitt-lichen Lebens die Untersuchung der in der Sitte zur Geltung ge-langenden socialen Factoren desselben als ihre nothwendige Er-gänzung.

Drittes Capitel.

Die Sitte und das sittliche Leben.

1. Die allgemeinen Eigenschaften der Sitte.

a. Instinct und Sitte.

In den Rechtstheorien früherer Tage spielt bekanntlich dieStreitfrage, wie man sich die Anfänge der menschlichen Gesellschaftzu denken habe, eine nicht geringe Rolle. Sogar in die heutigePhilosophie und Anthropologie wirft dieser Streit noch immer seineSchatten. Ob der ,Kampf ums Dasein, der Wahlspruch desHomohomini lupus, mit dem dereinst Hobbes diesen Kampf anschaulichbezeichnete, die Rechtsordnung als ein zwingendes Gebot der Nothhabe entstehen lassen; oder ob umgekehrt der Mensch den Con-flict selbstsüchtiger Interessen erst durch die Trübung einer ur-sprünglich reinen Sitte kennen gelernt: zwischen diesen beidenExtremen stellt die alte Gesellschaftstheorie die Wahl, als wennes ein Mittleres zwischen ihnen nicht geben könne. Und dochist die einzige unbestreitbare Thatsache auf diesem ungewissen Ge-biete eben die, dass, so weit wir den Menschen in der Geschichtezurückverfolgen oder auf niedern Culturstufen beobachten, wir ihnüberall mit den nämlichen guten und schlimmen Trieben behaftetfinden, die heute wie immer die Quellen seines Glücks und seinerLeiden sind. In der That, die Frage, ob ursprünglich einen ein-sam lebenden Menschen gegeben, ist wo möglich noch undiscutir-barer als die, ob der Mensch ohne Sprache oder ohne Religionexistirt habe. Denn während eine Sprache in unserem Sinne und,