Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
65
Einzelbild herunterladen
 

Dev Ahnencultus.

65

Fortleben der Verstorbenen bildet. Die Seele, die mit dem Hauchdes Athems entweicht, und die zumeist als ein Schatten oder alsluftartiges Abbild des Menschen gedacht wird, bleibt für längereoder kürzere Zeit auf dem Schauplatz seiner irdischen Thaten; oderwo sie denselben verlässt, um in ein besonderes Todtenreich ein-zugehen, da steht sie doch so lange, als überhaupt das Gedächtnissan den Verstorbenen dauert, mit den Lebenden in Verbindung undtheilt mit ihnen Schmerz und Freude. Der Traum und die Vision,die dem Naturkinde erlebte Wirklichkeit scheinen, erneuern diesenVerkehr, falls er abzubrechen droht.

Das räthselhafte Kommen und Schwinden solcher Phantasmen,sowie das Grauen, das der Anblick des Todten einflösst, stellen leichtzwischen dieser und einer andern Reihe von Vorstellungen Bezie-hungen her. Das Räthselhafte gilt zugleich als ein Zauberhaftes.Glück und Unglück werden so auf umgebende dämonische Wesenzurückgeführt, und zu den letzteren gehört die Seele des Verstorbenenum so mehr, als bei ihr die Annahme nahe liegt, dass sie anden Schicksalen der Hinterbliebenen theilnehme. Bald geschieht es,indem sie dem Lebenden mit ihrem Rathe beisteht, ihm gute Ge-danken eingibt, bald indem sie, ähnlich wie andere glück- oderunglückbringende Dämonen, unmittelbar thätig in sein Schicksaleingreift. Nicht selten scheiden sich darum auch die Seelen in guteund schlimme Dämonen: die Tapfern und ruhmvoll Verstorbenenleben als hülfreiche, die Ruchlosen und Verbrecher als schaden-stiftende Geister fort*).

Es mag sein, dass der ethische Trieb, der an und für sich inder idealisirenden Erinnerung an die Vorfahren gelegen ist, durchdiese Vermengung mit Geister- und Zaubervorstellungen geschädigtund zuweilen völlig unterdrückt wird. Aber dabei ist doch nichtzu vergessen, dass gerade solche Motive, welche die Hoffnung oderFurcht des Menschen erregen, eine nachhaltigere Wirkung zuäussern im Stande sind. Ist auch die idealisirende Verehrung derAhnen keine ganz interesselose mehr, wenn diese zugleich alsSchutz- oder Rachegeister angerufen und gefürchtet werden, sobraucht deshalb doch die ethische Wirkung, welche die ihnen inder Erinnerung zugeschriebenen persönlichen Eigenschaften ausüben,nicht zu schwinden. Und in der That liegen Zeugnisse genug vor,

*) Beispiele hierzu vgl. bei W a i t z, Anthropologie der Naturvölker, II,S. 194 ff., III, S. 196 ff. u. a. a. 0. Tylor, Anfänge der Cultur, II, S. 110 ff.Bastian, Beiträge zur vergleichenden Psychologie, S. 72 ff.

Wundt, Ethik. 2. Au fl. 5