Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
64
Einzelbild herunterladen
 

Die Religion und die Sittlichkeit.

<)4

der einzelnen Elemente allmählich sich verändert, ist die Entwick-lung nicht entfernt eine gleichförmige, sondern nach Natur- undCulturbedingungen und geistigen Anlagen weit abweichend bei ver-schiedenen Völkern. Erwägt man, wie die Mythologien sonst sonahe verwandter Stämme wie der Inder und Perser, der Griechenund Römer keineswegs in nebensächlichen Momenten, sondern inihrem ganzen Charakter abweichen, so dass die Unterschiede fastgrösser erscheinen als die Uebereinstimmungen, so unterliegt es kaumeinem Zweifel, dass die Differenzirung der mythologischen Vor-stellungen gerade bei stammverwandten Völkern eine weit grössereist als diejenige der Sprache, während dagegen gewisse fundamen-tale Uebereinstimmungen, die alle Natur- und Culturvölker umfassen,zweifellos auf dem Gebiete des Mythus viel auffallende]- zur Geltunggelangen.

Für die hier untersuchte Frage ist diese Verbindung vonVielgestaltigkeit und Gleichartigkeit von der höchsten Bedeutung.Denn sie bedingt es, dass nun auch diejenigen Elemente, denen wireinen religiösen und sittlichen Charakter beimessen, mit den ver-schiedensten sonstigen Bestandteilen des Mythus sich verbindenkönnen, so dass gewisse Vorstellungen auf einer früheren Entwick-lungsstufe einen ethischen Werth besitzen, den sie später einbüssen,und umgekehrt andere einen solchen erwerben, während er ihnenursprünglich nicht zukam. Ganz besonders gilt dies von denjenigenVorstellungen, in denen die mythenbildende Phantasie ideale Vor-bilder menschlicher Tüchtigkeit zu gestalten strebt.

2. Die Götter als sittliche Ideale.

a. Der A h 11 e n c u 11 u s.

Das ehrende Gedächtniss der Vorfahren ist ein Zug, der schondem Naturmenschen selten mangelt, und der sich überall leicht mitjenem Einflüsse verbindet, den auch sonst unsere Gefühle undWünsche auf die Erinnerung an eine der Wahrnehmung für immerentzogene Vergangenheit ausüben: die Schwächen und Mängel desVerstorbenen werden vergessen und seine Tugenden vergrössert,nach dem Satze: „De mortuis nil nisi bene", der für alle Stufendes Daseins seine Geltung bewahrt. Bei dem Naturmenschen abergewinnt dieser pietätvolle Zug seinen bedeutsamen Einfluss auf dasGemlith vor allem durch die Vorstellungen, die sich jener von dem