Die psychologische Entwicklung des Mythus.
1)8
Motive des mythologischen Denkens nicht einfach, sondern so ver-wickelt wie die Menschennatur selbst. Gewiss, es ist völlig un-psychologisch vorauszusetzen, der Mensch sei mit dem Bedürfnis«nach Naturerklärung oder gar allein mit diesem in die Welt ge-treten ; aber es ist ebenso unpsychologisch zu meinen, er habe mitden gewaltigen Erscheinungen von Blitz und Donner, dem Zug derWolken und der Gestirne ursprünglich gar keine Vorstellungen ver-bunden, oder er habe diese Erscheinungen mit der nämlichen nüch-ternen Ruhe betrachtet, mit der ihnen der heutige Culturmenschseine Aufmerksamkeit schenkt; vielmehr sei all' sein Sinnen in demGedanken an die Seelen der Verstorbenen und ihre Schicksale be-fangen gewesen.
Die psychologische Quelle der Mythenbildung freilich ist ingewissem Sinne eine einheitliche. Sie entspringt aus einer perso-nificirenden Apperception, deren Wesen darin besteht, dassder Mensch sein eigenes Bewusstsein objectivirt. Wo er eine Be-wegung walirnimmt, da sieht er auch einen Willen, der entwederin dem bewegten Gegenstand ruht oder als besonderes Wesen hinterdemselben steht, und von dem Bewegten überträgt er diese Vor-stellung leicht auf das Unbewegte, namentlich wo es ihm unter Be-dingungen entgegentritt, die seine Aufmerksamkeit fesseln und Furchtoder Hoffnung in ihm erregen. Indem sich nun aller dieser Vor-gang den verschiedenen Objecten gegenüber bethätigt, liegen indemselben von Anfang an die Keime zu den verschiedensten Gestal-tungen mythologischer Vorstellungen. Die Entwicklung dieser Keimemag dann immerhin in den wechselndsten Formen erfolgen; was imeinen Fall nur in spurweisen Anfängen vorhanden, kann sich ineinem andern von frühe an als die herrschende Macht bethätigen:dennoch wird der geistige Zusammenhang solch' verschiedenartigerGestaltungen weder darin zu suchen sein, dass sie alle einen ein-zigen ä u s s e r e n Ausgangspunkt besitzen, noch auch darin, dass siein einem gleichförmigen Wechsel sich an einander anschliessen, seies in der beliebten Reihenfolge Fetischismus, Scliamanismus, Poly-theismus, sei es in irgend einer andern, die man an deren Stellesetzen möchte. Vielmehr äussert sich die Gleichartigkeit der psycho-logischen Motive des mythologischen Denkens darin, dass alle mög-lichen Formen personificirender Apperception fast unausgesetzt nebeneinander existiren und nur in Bezug auf den Grad, in welchem sieausgebildet, und in der Art, wie sie mit einander verflochten sind,sich unterscheiden. Ja selbst hinsichtlich der Art, wie die Mischung