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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Religion und die Sittlichkeit.

gerade die euliemeristischen Erklärungen der Mythenentwicklungeine völlige Umkehrung wenigstens des normalen Verlaufs der Er-scheinungen zu Schulden kommen lassen. Denn der normale Ver-lauf ist es nicht, dass sich ein dichterisches Bild allmählich in ge-glaubte Wirklichkeit umwandelt, sondern umgekehrt: was ursprüng-lich geglaubte Wirklichkeit war, lebt zuerst fort als Metapher, umschliesslich, wenn die übertragene Bedeutung des Wortes über dieursprüngliche den Sieg davon getragen hat, auch als solche zu er-löschen. Und ebenso enthält der allverbreitete Geister- und Zauber-glaube der heutigen Culturvölker zahllose Rudimente einst lebens-voller mythologischer Vorstellungen und viele unverständlich ge-wordene Züge eines einstigen Naturmythus, während die umgekehrteEntwicklung allein als das Resultat einer künstlichen Constructionbekannt ist, bei welcher namentlich von dem Begriff des „Fetischis-mus“ ein völlig willkürlicher Gebrauch gemacht wird*). Wenn manden blitzeschleudernden olympischen Zeus als die Verbindung eines.Bergfetisch“ mit einem „Himmelsfetisch" betrachtet, so ist da-mit freilich die Kluft zwischen dem Zauberglauben des Negers undder hellenischen Göttervorstellung glücklich durch ein Wort über-brückt; aber die Verschiedenheit zwischen beiden Gedankenkreisenbesteht fort, und die Annahme eines übereinstimmenden Ursprungsbleibt so unsicher wie vorher.

Hat jede einseitige Auffassung historischer Erscheinungen vonvornherein die Vermutliung gegen sich, dass sie der Fülle des wirk-lichen Lebens nicht gerecht werde. so gilt das vor allem von derAuffassung ursprünglicher Welt- und Lebensanschauungen. DieEinheit der Betrachtung ist hier immer erst ein spätes Erzeugnisswissenschaftlicher Reflexion. Der Naturmensch beurtheilt die Dingeum so weniger von einem einzigen Gesichtspunkte aus, je wenigerer selbst in seinem Fühlen und Handeln nur von einem einzigenMotive bestimmt wird. Ist doch auch die Mythologie eines Volkesursprünglich keine einheitliche, sondern erst allmählich aus zahl-losen zerstreuten und unzusammenhängenden Mythen zu einer ArtSystem zusammengewachsen, an dem die planmässige dichterischeBearbeitung, welcher der philosophische Einheitstrieb bereits nichtganz fremd bleibt, wesentlich betheiligt ist. So sind auch die

*) Als Beispiele dieser Interpretation vgl. J. Lippert, Die Religionender europäischen Culturvölker, S. 124, 325 ff. H. Spencer, Sociologie, I,S. 443 ff.