Die unsittlichen Elemente des Mythus.
trug, wo es gilt, seine manchmal wenig edeln Zwecke zu erreichen.Als Liebhaber der Jo oder der Semele und in seinen sonstigenAbenteuern mit sterblichen Frauen erscheint er als das Urbild einesüppigen Tyrannen, der sich von manchem menschlichen Exemplarseiner Gattung kaum anders als dadurch unterscheidet, dass ihm dieWunder übernatürlicher Verwandlungen und übermenschlicher Stärkezur Verfügung stehen. Auch seine Ehestandsscenen mit Hera, derStreit und das Intriguenspiel der übrigen Götter sind ziemlich weitvon dem entfernt, was wir eine ideale sittliche Welt nennen möch-ten. Alles das sind jene Züge der Volksmythologie, gegen dieschon ein Xenophanes die Pfeile seiner Polemik richtete, und dievon da an unausgesetzt die Angriffe der Philosophie herausforderten.Gewiss werden wir diesen Angriffen schon um deswillen ihre Be-rechtigung zugestehen, weil wirklich die Vermengung unmoralischerMotive mit den Göttervorstellungen allmählich eine schädigendeWirkung auf die ethische Seite der Religionsanschauungen auszu-üben begann. Aber dies gilt doch erst für eine Zeit, welche sichvon der naiven Auffassung jener Griechen, die zuerst den Home-rischen Gesängen lauschten, schon weit entfernt hatte. Darinunterscheidet sich gerade das gläubige Bewusstsein, dem der Zweifelnoch ferne liegt, von dem Standpunkt eines späteren reflectirendenZeitalters, dass es arglos die aus verschiedenen Motiven entsprunge-nen Vorstellungen vereinigt, ohne sich der Widersprüche zwischendenselben bewusst zu werden, und ohne dass daher auch der eineBestandtheil den andern beeinträchtigt. [Der nämliche Zeus, derselbst gelegentlich falsche Eide schwört und feierlich gegebene Ver-sprechen wieder zurücknimmt, ist darum doch der Hüter der Eideund der Beschützer der Verträge, der den Meineid und die Treu-losigkeit mit seiner Strafe verfolgt.
Zwei Momente, ein objectives und ein subjectives, kommenwohl dieser ungestörten Vereinigung ethischer Gegensätze zu Hülfe.Objectiv ist die nämliche Göttergestalt eine andere, wenn in ihrder Beherrscher der himmlischen Mächte gesehen wird, auf dennun die Phantasie die aus der Erfahrung geläufigen Eigenschaftenirdischer Herrscher in übertreibenden Bildern überträgt, eine andere,wenn sie dem Schwörenden oder Betenden als die sittliche Machterscheint, die im menschlichen Verkehr das Recht schützt und dasUnrecht sühnt, und in der sich die innere Stimme seines eigenenGewissens verkörpert. Schon der Grieche der Homerischen Zeitmacht hier, wie Leop. Schmidt treffend bemerkt hat, im Grunde