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Die Religion und die Sittlichkeit.
d. Die unsittlichen Klein eilte des Mythus.
Es ist eine bekannte Thatsaclie, dass die Götter- und Heroeu-gestalten des Mythus keineswegs in allen Beziehungen als sittlicheIdeale erscheinen. Darin eben verräth sich die ursprüngliche Ver-schiedenheit des religiösen und des sittlichen Ideals, dass der Menschalle seine Eigenschaften, auch die -schlechten, in übertreibendenBildern auf die Götter überträgt. Sie sind ihm nicht bloss Vor-bilder der Tapferkeit. Gerechtigkeit und jeder gemeinnützigen Tugend,sondern sie sind nicht minder gross in List. Betrug, Gewaltthätig-keit und sinnlichen Leidenschaften. Es ist unvermeidlich, dass dieseVorstellungen auch auf den religiösen Cultus herüberwirken, um diedemselben innewohnenden ethischen Momente unter Umständen inihr Gegentlieil zu verkehren. Selbst der fromme Inder tritt imGebet seinem Gotte nicht bloss bittend und lobpreisend, sondernnicht selten trotzig fordernd, für sein Opfer den schuldigen Gegen-dienst heischend gegenüber; und was er verlangt, das sind nichtallein geistige Gaben, sondern vorherrschend sinnliche Güter odergelegentlich selbst Begünstigungen schlimmer Unternehmungen.Diese Erscheinungen sind nothwendige Folgen der Vermenschlichungder göttlichen Wesen; daher sie uns in allen Religionsculten vonder Fetischanbetung des Negers bis zu den Opfergebräuchen derAegypter, Griechen, Römer und Germanen begegnen. Einen breitenRaum gewinnt vollends diese schlimme Seite der Vermenschlichung,sobald sich die epische Dichtung des mythologischen Stoffes be-mächtigt. Dennoch würde es unbillig sein, wollte man, wie es beiden alten Philosophen geschehen ist, die Dichter für diese Dingeverantwortlich machen: sie mögen den überkommenen Stoff mannig-fach ausgeschmückt haben, aber dieser selbst wurde ihnen durchden Volksmythus entgegengebracht. Immerhin lässt der Umstand,dass durch die dichterische Verarbeitung die Götterwelt in denLebensschicksalen und wechselseitigen Beziehungen der einzelnenGöttergestalten zu einem noch vollständigeren Ebenbilde der Menschen-welt wird, nothwendig auch die sittlichen Flecken in diesem Bildedeutlicher hervortreten. So ist es denn keine Frage, dass die Götterder Homerischen Epen an den menschlichen Gebrechen ebenso sehrwie an den menschlichen Tugenden theilhaben. Das gilt nicht nurvon Hephästos und Aphrodite und zahlreichen niederem Götter-gestalten. sondern vor allen Zeus selbst scheut nicht List noch Be-