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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Religion und die Sittliclikeit.

nur- eine ähnliche Unterscheidung, wie sie noch heute die römischeKirche zwischen der dem Irrthum und der Sünde unterworfenenPerson des Papstes und dem unfehlbaren Oberhaupt der Kirchevollzieht*). Während so eine und dieselbe mythologische Vor-stellung nach ihren verschiedenen objectiven Bedeutungen in gegen-sätzliche Richtungen sich scheiden kann, hat aber die religiöse Ver-tiefung des Gemütlis zugleich, die subjective Wirkung, dass diefür einen gegebenen Zweck in Betracht kommende religiöse Be-deutung jede andere aus dem Bewusstsein verdrängt. Der feierlichSchwörende, der den Kamen des Zeus anruft, denkt an ihn nur alsan den Gott der Eide, der Betende, der seine Wünsche an ihnrichtet, hat allein den Schützer der sittlichen Weltordnung im Auge.Je stärker das religiöse Gefühl ist, um so mehr verengt es denVorstellungskreis des Bewusstseins und bewirkt so, dass Vor-stellungen, welche die augenblickliche Richtung des Gemüths störenkönnten, überhaupt nicht vorhanden sind. Hierin liegt der Grund,,wesshalb auch die Vielheit der GöttervorStellungen, so lange sie ihrenaive Ursprünglichkeit bewahrt hat, durchaus nicht den störendenEinfluss äussert, den eine spätere Zeit ihr zutraut. Cultus undGebet erzeugen, wenn sie wirklich Bethätigungen eines inneren Be-dürfnisses sind, in jedem einzelnen Falle von selbst jene Beschränkungder Vorstellungen, die für die religiöse Erhebung erforderlich ist.Diese natürlichen psychologischen Wirkungen geben darum nochnicht das Recht, in ihnen wie es geschehen ist, Zeugnisse einesursprünglichen Monotheismus zu erblicken, oder aus ihnen einenbesonderen .Henotheismus zu machen, der den Anfang aller Reli-gion bilden soll**).

Jene doppelte Betrachtungsweise, die ungestört Gegensätzevereinigt, weil sie, während ihr die eine Seite gegenwärtig ist, andie andere nicht denkt, bleibt so lange unschädlich für das religiöseund sittliche Gefühl, als sich das mythologische Denken seine naiveUrsprünglichkeit bewahrt hat; sie muss unvermeidlich zur Zer-setzung von Religion und Sittlichkeit führen, sobald die Kritik sichder mythologischen Vorstellungen bemächtigt und die inneren Wider-sprüche derselben zum Bewusstsein bringt. In dem Masse, als sichdieser Zersetzungsprocess vollzieht, werden aber dem mythologischen

*) L. Schmidt, Die Ethik der alten Griechen, I, S. 48.

**) Max Müller, Vorlesungen über den Ursprung und die Entwicklungder Religion, 2. Auf!., S. 291 ff.