Das Verhältniss des Religiösen zum Sittlichen im Mythus.
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anscliauuugeu der primitiven Naturvölker und die Religionen derheutigen Culturvölker, aus entgegengesetzten Gründen die relativungünstigsten Bedingungen dar. Die Vorstellungen der Naturvölkervermögen wir manchmal kaum in ihrem tatsächlichen Verhalten,noch seltener aber in ihrer Entwicklung klar zu überblicken. Nurangewiesen auf eine trügerische und lückenhafte mündliche Tradi-tion, entbehren sie vielfach wahrscheinlich schon in sich des Zu-sammenhangs, und noch mehr muss dieser dem äusseren Beobachterverloren gehen, welcher aus der oft unverständlich erscheinendenAussenseite der Handlungen die geheim gehaltenen inneren Motivederselben enträthseln soll. So erscheinen unvermeidlich hier reli-giöse und sittliche Vorstellungen zumeist mehr als ein Aggregatzufällig verbundener abergläubischer Meinungen denn als eine insich zusammenhängende Welt- und Lebensauschauung. Aus ganzanderen Gründen dagegen ist es bedenklich, aus jenen Cultur-religionen. die auf bestimmte Religionsgründer zurückgeheu, allge-meinere Schlüsse zu ziehen. Hier bleiben Art und Umfang des
Zusammenhangs mit dem ursprünglichen religiösen Gefühl zweifel-haft, und besonders mit Rücksicht auf die vorliegende Frage kannimmer der Einwand erhoben werden, dass die Verbindung religiöserund sittlicher Motive eine persönliche und darum für das allgemeineWesen der Religion nicht massgebende That ihrer Begründer sei.
Ganz anders verhält sich dies bei jenen Naturreligionen derCulturvölker, die durch eine Reihe fortlaufender literarischer Ueber-lieferungen in dem grösseren Theil ihres historischen Entwicklungs-ganges und zugleich in ihrem Zusammenhang mit Sitte und Culturhinreichend der Beobachtung zugänglich sind. Die Religionsan-schauungen der Inder, der Griechen, der Römer bilden ein treues
Spiegelbild ihrer gesummten Lebensanschauuug und damit ihres
sittlichen Bewusstseins, dessen Veränderungen sich in den Wand-lungen des religiösen Empfindens oft am frühesten verrathen. Frei-lich aber tritt in diesen mythologischen Systemen zugleich jeneallgemeine Natur des Mythus, dass in ihm die religiösen Elementeauf das innigste mit den sonstigen Bestandteilen einer natürlichenWeltanschauung vermengt werden, besonders augenfällig hervor.Diese Vermengung bedingt Erscheinungen, die, namentlich wennman sich den Unterschied von Mythus und Religion nicht gegen-wärtig hält, leicht an der ethischen Bedeutung der religiösen Vor-stellungen Zweifel erwecken können und sie in Wirklichkeit aucherweckt haben.