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Die Religion und die Sittlichkeit.
staltet, ist an und für sich noch kein sittliches Ideal, ja sie enthältfast immer Bestandteile, die, an dem entwickelten sittlichen Be-wusstsein gemessen, bald sittlich indifferent, bald sogar unsittlicherscheinen. Von den religiösen Vorstellungen der heutigen Wildenzu schweigen, . enthielten zweifellos die Göttervorstellungen derGriechen, der Römer und der alten Germanen manche Züge, indenen Eigenschaften wie List. Gewalttätigkeit, Neid, Trunksuchtidealisirt waren, die wir keineswegs als- sittliche anerkennen. Dazukommt, dass ein sonst in specifisch sittlichen Motiven wurzelnderKreis religiöser Vorstellungen, die Vergeltungsvorstellungen, mitinnerer Notwendigkeit zur Schaffung von Göttergestalten geführthat, die, als Rächer des Bösen, zugleich die Bedeutung von nega-tiven Idealen, von Vorbildern in allen schlimmen Eigenschaften au-nahmen. Wie weit aber auch darum im einzelnen Fall das religiösevon dem sittlichen Ideal sich entfernen mag, so ist doch eines un-bestreitbar: sobald überhaupt der Gedanke an ideale sittliche Vor-bilder des menschlichen Handelns oder an eine ideale sittlicheWeltordnung sich regt, muss derselbe innerhalb der religiösen Ideal-vorstellungen zum Ausdruck gelangen. Auf eine je ursprünglichereStufe wir die sittlichen Vorstellungen zurückverfolgen, um so mehrsind sie daher, wie sich bald zeigen wird, an die Vorstellungenidealer sittlicher Vorbilder und einer von den Göttern geleitetensittlichen Weltordnung gebunden. Das Verhältniss des Sittlichenzu dem Religiösen gestaltet sich so in Bezug auf den Umfang derGebiete wiederum ähnlich wie das des Religiösen zum Mythischen.Der Mythus enthält ursprünglich alles, Naturanschauung. Religionund Sittlichkeit, in ungeschiedener Einheit; die religiösen Elementedes Mythus enthalten aber wiederum die sittlichen in sich, die erstspäter, wenn das mythische Zeitalter seinem Ende entgegengeht,theilweise sich loslösen. lim einer von religiösen Voraussetzungenunabhängigen Regelung durch Recht und Sitte überlassen zu werden.
Eine Untersuchung der Beziehungen des religiösen Gebieteszum sittlichen wird nicht umhin können, gerade wegen dieser wech-selnden Innigkeit der Verbindung, auf die verschiedenen Entwick-lungsstufen des religiösen und des sittlichen Bewusstseins Rücksichtzu nehmen. Aber es werden doch diejenigen Gestaltungen desMythus vorzugsweise zu beachten sein, in denen jene Wechsel-beziehungen am deutlichsten sind, und in denen insbesondere auchdie allmählichen Veränderungen derselben hervortreten. In dieserHinsicht bieten nun die niederste und die höchste Stufe, die Welt-