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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Religion und die Sittlichkeit.

gedachten Wünsche der Menschen*), so ist nicht zu bestreiten,dass dieser Satz eine der psychologischen Quellen der religiösenVorstellungen im wesentlichen richtig bezeichnet. Aber wenn erdamit die weiteren Voraussetzungen verbindet, dass alle Wünsche-aus der menschlichen Selbstliebe stammen, und dass sie, sofern anihre Wirklichkeit geglaubt wird, zu den phantastischen Illusionengehören, so sind dies Annahmen, die mit seiner metaphysischen An-sicht, dass die sinnliche Anschauungswelt den Erkenntniss- wie denGemüthsbedürfnissen des Menschen vollständig genüge, Zusammen-hängen. Abgesehen von diesem metaphysischen Vorurtheil wirdnicht zu bezweifeln sein, dass es Wünsche geben kann, die nichtaus der Selbstliebe entspringen, und dass der Gedanke der Verwirk-lichung eines Wunsches nicht nothwendig Illusion zu sein braucht,auch dann nicht, wenn die Verwirklichung ausserhalb der Grenzenempirischer Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit liegt. Aber eswürde verfrüht sein, diesen Punkt hier zu erörtern, da derselbe erstim Zusammenhang mit den ethischen Gründprobleinen seine Er-ledigung finden kann. Für das folgende wird es genügen, diereligiösen Vorstellungen lediglich mit Rücksicht auf ihren unmittel-baren Bewusstseinswerth ins Auge zu fassen. Denn es handelt sichzunächst nur um die thatsächlichen Beziehungen, die zwischen diesenVorstellungen und dem sittlichen Leben stattfinden. Für die Er-mittelung dieser Beziehungen ist es im Grunde gleichgültig, welchereale Bedeutung man den religiösen Vorstellungen zugesteht, wo-gegen allerdings umgekehrt die Resultate jener Untersuchung fürdie letztere Frage von Gewicht sind.

c. Das Verhiil tniss des R el ig i ö s e n zum Sittlichen im Mythus.

Suchen wir, von dem oben festgestellten Begriff ausgehend,aus dem bunten Gemenge mythologischer Anschauungen dasjenigezu isoliren, was mit einigem Rechte als der religiöse Bestandtheilderselben betrachtet werden kann, so werden hierher zunächst die-jenigen Vorstellungen zu zählen sein, in denen ideale, übermensch-lich aber doch menschlich gedachte Gestalten als Vorbilder mensch-lichen Strebens sich verkörpert haben. Sodann gehören aberhierher als eiu nicht minder wichtiger Bestandtheil alle jene Vor-stellungen , die, von übermenschlichen Mächten ausgehend. den

*) Feuerbach, Ges. Werke, VIU, S. 257, IX. S. 56 ff.