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Die Religion und die Sittlichkeit.
kung nicht bloss einwenden, dass sie nicht Jeder an sich bestätigtlinde, worüber sich nicht weiter streiten lässt, sondern auch, dassjene religiöse Färbung der ästhetischen Gefühle möglicher Weisedoch auf Associationen mit bestimmten Religionsanschauungen be-ruhe. Obgleich ich freilich nicht zu erkennen vermag, wie z. B.ein moderner Mensch von ästhetischem Sinn, dem aber kunst-mythologische Studien ferne liegen, gleichwohl beim Anblick desZeus von Otricoli oder allenfalls sogar einer Laokoongruppe an dieihm geläufigen religiösen Vorstellungen erinnert werden soll, so magsogar diese Voraussetzung zugestanden werden. Immerhin bleibtdabei die Thatsache bestehen, dass das religiöse Element mit einemmannigfachen und in vielen Beziehungen ihm durchaus fremdartigenInhalt des Bewusstseins sich verbinden kann, und die Frage ent-steht, welche Bedingungen zu dem sonst religiös indifferenten Ein-druck hinzutreten müssen, damit er diese Färbung gewinne. Inähnlicher Weise wird aber diese Frage auch solchen Vorstellungengegenüber erhoben werden können, denen von vornherein ein specifischreligiöser Charakter zukommt. Denn auch bei ihnen ist schliesslichdas religiöse Element niemals das einzige, sondern, wenn es nochso sehr im Vordergrund stehen mag, eines neben andern.
Welches ist nun derjenige Begriff des Religiösen, der füralle diese bald verborgeneren bald offenkundigeren Erscheinungs-weisen desselben zutrifft? Religiös sind — so kann, glaube ich,allein geantwortet werden — alle die Vorstellungen undGefühle, die sich auf ein ideales, den Wünschen undForderungen des menschlichen Gemiithes vollkoniTmen entsprechendes Dasein beziehen. Da die Erfahrunghöchstens entfernte Annäherungen an ein solches Ideal darbietenkann, so lebt es zunächst nur in der Vorstellung des Menschen; esist ein Erzeugniss seiner Phantasie und seines Gefühls, und desshalbdient vor allem das künstlerische Schaffen, das von frühe an diesinnliche Wirklichkeit zu idealisiren bestrebt ist, gleichzeitig derAeusserung und der Erweckung religiöser Gefühle.
Dass dieser Begriff der Religion der Entwicklung den freiestenSpielraum lässt, bedarf kaum der Bemerkung. Das menschlicheIdeal ändert sich mit dem Menschen selber. Es ist sicherlichein rohes und niedriges, wo die Sitte, die ästhetische und intel-lectuelle Cultur noch in den Banden der Barbarei und des Aber-iglaubens befangen sind. Es bietet aber auch auf den höchstenStufen der geistigen Cultur nur .ein vollkommneres Bild des : wirk-