Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

Die religiösen Bestandteile des Mythus.

47

gefundene Begriff des Religiösen dem entwickelten Bewusstsein ent-nommen wurde, und dass daher auf primitiven Stufen nicht derganze Inhalt desselben sondern höchstens die Anfänge seiner Ent-wicklung zu erwarten sind.

Damit sind wir nun zunächst wieder an die Antworten zurück-verwiesen, welche die drei oben gekennzeichneten Religionstheorienauf unsere Frage bereit haben. Die an diese Theorien geknüpftenBemerkungen deuten aber auch bereits an, dass jene Antworten,für den gegenwärtigen Fall wenigstens, ungenügend sind. Die Er-klärung der autonomen Theorie ist zu unbestimmt. Indem sie dasReligiöse in die unmittelbare Gotteserkenntniss oder in das schlecht-hinige Abhängigkeitsgefühl verlegt, bleibt das Object dieser Erkennt-niss und dieses Gefühls völlig dahingestellt. Die Antwort derethischen Theorie ist zu enge. Selbst wer geneigt sein möchte denHauptwerth der Religion in ihrer ethischen Wirkung zu finden, oderwer sogar wünscht, dass das Religiöse vollständig im Sittlichen auf-gehe , kann sich doch nicht der Ueberzeugung verschliessen, dassEthos und Religion, wie sie nun einmal existieren, thatsächlich immenschlichen Bewusstsein nicht identisch sind. und dass auch dasReligiöse nicht bloss als ein eigentliümlicher Standpunkt ethischerAuffassung betrachtet werden darf. Der Fehler der metaphysischenTheorie endlich in ihren beiden Gestaltungen besteht darin, dass sie diereligiösen Vorstellungen mit den intellectuellen Problemen zusammen-wirft. Den Parteigängern der Metaphysik wird daher die Religionzu einer Form der Welterkenntniss; den Gegnern ist sie ein Gewebeabergläubischer Vorstellungen, das zur Erklärung aller oder ein-zelner Naturerscheinungen, wie des Todes, des Traumes oder dergeistigen Vorgänge überhaupt, dienen soll.

Stellen wir uns nun, von allen diesen Theorien absehend, auchdem entwickelten Bewusstsein gegenüber auf den Standpunkt ob-jectiver psychologischer Betrachtung, so lässt sich nicht leugnen,dass jene innige Verbindung der religiösen Elemente mit an-dern Bewusstseinsthatsachen, welche uns auf der mythischen Stufeüberall entgegentritt, auch später in latenterer Weise noch fort-besteht. Besitzen doch, neben den greifbareren Einflüssen über-kommener Vorstellungen, namentlich die ästhetischen Gefühle, diean die Wirkungen vollendeter Kunstschöpfungen geknüpft sind, oftunverkennbar eine religiöse Färbung, und dies selbst dann, wennder Gegenstand zu den gewohnten Religionsvorstellungen ausserhalballer Beziehungen steht. Man kann natürlich gegen diese Berner-