42
Die Religion und die Sittlichkeit.
dass eine Religion, nämlich die christliche, die sittlichen Forderungenam vollkommensten erfülle und zugleich dem Bedürfniss den Glaubenmit dem Wissen zu vereinigen am besten entspreche. In diesemGedanken einer Vernunftreligion trifft Kant nicht bloss mitdem Deismus seiner Zeit zusammen, sondern es berührt sich hierauch die ethische mit der metaphysischen Theorie, deren Verlangendie Glaubenswahrheiten zu beweisen nur zu der Forderung er-mässigt wird sie begreiflich zu finden. In der Trennung desGlaubens vom Wissen dagegen stimmt die ethische mit der auto-nomen Theorie überein, und da. die letztere ihrerseits eine ethischeBedeutung der Religion keineswegs zu leugnen gewillt ist, so ge-staltet sich das Verhältniss zwischen beiden im wesentlichen so,dass diese das Religiöse dem Sittlichen unbedingt Uberordnet,während jene es wenigstens in Bezug auf seinen Ursprung ihmunterordnet.
Aus diesen Bemerkungen erhellt schon einigermassen, dass esjeder der drei Richtungen schwer wird ihren Standpunkt gegenüberden beiden anderen sicher abzugrenzen. Sucht die autonome Theorieihre Selbständigkeit dadurch zu wahren, dass sie auf die Eigen-artigkeit der inneren religiösen Erfahrung hinweist, so kann sie nichtumhin in dieser Erfahrung eine intuitive Erkenntnissquelle zu er-blicken , welche neben den sonstigen Erkenntnissformen bei derBildung einer allgemeinen metaphysischen Weltanschauung Berück-sichtigung heischt. Die autonome und die ethische Theorie trennensich, wie schon bemerkt, nur in Bezug auf das Verhältniss von Ueber-oder Unterordnung, das beide zwischen dem Religiösen und Sitt-lichen statuiren; aber auch dieser Unterschied verschwindet, sobaldman, von der Entstehungsweise der religiösen Ideen absehend, derenabsoluten Werth ins Auge fasst: dann sind im Grunde beide darübereinig, dass die letzten und unvergänglichen Zwecke des Sittlichenden beschränkten sinnlichen Bethätigungen desselben unendlich über-legen seien; diese letzten Zwecke sind aber auch nach der ethischenTheorie nur in der Form der religiösen Ideen dem Bewusstseingegeben.
Die tieferen Gründe dieser Meinungsunterschiede liegen selbst-verständlich zum Theil in ethischen und religiösen Bedürfnissen;sie stehen aber ausserdem mit den abweichenden Ansichten überZweck und Inhalt der Metaphysik in so nahem Zusammenhang,dass eine Prüfung derselben zunächst von diesem Punkte aus ver-suchen muss den Zwiespalt zu beseitigen. Die autonome sowohl