Die Religion.
41
die Religion als Vorstufe der Philosophie behandelt. Nur die Werth-schätzung ist eine völlig andere geworden. Für Comte sind Reli-gion und Mythus, Mythus und Aberglaube im Grunde identisch,und Metaphysik gilt ihm als eine Mythologie in Begriffen. Das^positive Stadium“ der rein thatsächlichen, aller Hypothesen undSpeculationen entäusserten Auffassung der Dinge, das bei ihm dieEntwicklung abschliesst, würde für Hegel nicht einmal als untersteStufe Geltung besitzen. Die neuere Anthropologie, die sich zumeistder Auffassung Comte’s zuneigt, pflegt nur den Begriff der Religionauf ein engeres Gebiet einzuschränken. Sie definirt dieselbe als„Glaube an geistige Wesen überhaupt“, oder macht speciell dieunter dem Eindruck des Todes und des Traumes gebildeten Vor-stellungen von einer selbständigen Seele sowie die damit in Zu-sammenhang stehende Ahnenverehrung zur Quelle der religiösenIdeen. Da alle diese Ansichten das Wesen der Religion in einerArt primitiver Metaphysik erblicken, so werden sie der metaphy-sischen Theorie zugezählt werden können. Auch wird jener ur-sprüngliche Geisterglaube gelegentlich ausdrücklich als der Vorläuferder späteren spiritualistischen Systeme der Philosophie bezeichnet*).
Die ethische Theorie endlich sieht in der Religion dieVerwirklichung sittlicher Postulate. Ihre Wurzeln hat diese Denk-weise in dem aufgeklärten Deismus der vorangegangenen Jahrhun-derte, ihre einflussreichste Gestaltung hat sie durch Kant gewonnen,dessen Lehren noch heute in weit verbreiteten philosophischen undtheologischen Richtungen fortwirken. Indem Kant die Religion eine„Erkenntniss aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote“ nennt,wird sie ihm zu dem Inbegriff derjenigen Voraussetzungen, die wirtheils zur Erklärung der Existenz des Sittengesetzes, theils zurSicherstellung seiner Verwirklichung zu machen genöthigt sind**).Da diese Voraussetzungen zu transcendenten Ideen ohne allen Er-fahrungsinhalt führen, so sind sie Gegenstände des Glaubens,nicht des Wissens; und da verschiedene Voraussetzungen möglicherWeise den nämlichen moralischen Zweck erfüllen können, so ergibt sichdaraus die Berechtigung verschiedener Glaubensanschauungen. Immer-hin ist es Kant’s Meinung, wie die der meisten seiner Nachfolger,
*) Tylor, Anfänge der Cultur, I, S. 418 ff. Vgl. hierzu HerbertSpencer, Sociologie, I, S. 344 ff. (deutsche Ausg.). Julius Lippert,Der Seelencult. Berlin 1881.
**) Kant, Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft. 4. Stück.Ausg. von Rosenkranz, Werke, Bd. 10, S. 184 ff.