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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sprache und die sittlichen Vorstellungen.

Es gibt einen andern Grund, der, wie ich glaube, diese An-ziehungskraft, welche das Unlusterregende und Tadelnswerthe aufdie Negation ausgeübt hat, vollkommen begreiflich macht: er liegtin der psychologischen Verwandtschaft der Unlust-affecte und der logischen Function der Verneinung.Wie die Verneinung eine als möglich vorgestellte Behauptung zurück-weist, so wendet der Unlustaffect sich ab von dem schmerzerregen-den Gegenstand. In beiden Fällen handelt es sich um Willens-richtungen von abwehrendem Charakter; auch die logische Negationist daher und bei energischen Urtheilsacten sogar in sehr aus-geprägter Weise von einer Gefühlsfärbung begleitet, die denCharakter eines Unlustgefühls an sich trägt. Unter diesen Umständenist es wohl begreiflich, dass die sittliche Missbilligung leichter mitdem Ausdruck der Negation sich verbindet als die sittliche An-erkennung. Wenn aber hieraus überhaupt auf die Entwicklung dersittlichen Vorstellungen ein Schluss gemacht werden kann, so ist esder, dass dieselben, wie dies noch jetzt ihre Ausprägung in gegen-sätzlichen Begriffen andeutet, mit der Bethätigung des Bewusstseinsin Lust- und Unlustaffecten innig Zusammenhängen.

In der That weisen nun mannigfache andere sprachliche Er-scheinungen darauf hin, dass diese Beziehung der sittlichen Billigungund Missbilligung zu den sinnlichen Gefühlen nicht etwa bloss eineäussere Analogie ist, sondern dass sie auf einer ursprünglichen Ein-heit beruht, indem aus dem sinnlichen Gefühlsinhalt des Bewusst-seins die sittlichen Gefühle durch eine specifische Differenzirunghervorgegangen sind. Die fortwirkende Kraft dieser Differenzirung,deren erste Anfänge sich selbstverständlich jeder Nachweisung ent-ziehen, verräth sich in einer Verinnerlichung der sittlichenBegriffe, mit der ein stetiger und in der Regel in gleicher Rich-tung stattfindender Bedeutungswandel des ethischen Wortschatzesverbunden ist.

b. Die Vertiefung der sittlichen Anschauungen.

Im Vergleich mit der bei den Allgemeinbegriffen des Gutenund Bösen besprochenen Uebertragung sinnlicher Bedeutungen aufdas sittliche Gebiet könnte man den hier in Frage kommenden Be-deutungswandel einen latenten nennen. Der Gesammtcharakterder Begriffe bleibt erhalten, aber die tieferen Beziehungen derselbenund ihr Gefühlswerth verändern sich. Dabei geschieht diese Ver-änderung so langsam, dass man meist verhältnissmässig weit von