Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
29
Einzelbild herunterladen
 

Die Trennung der ethischen Begriffe von ihrem Substrat.

29

nannten Laster bleiben dürfte*), so ist dies aber sicherlich keineden ethischen Begriffeu als solchen zukommende Eigenschaft, sonderneine Thatsache, die sich über alle die Dinge erstreckt, die desMenschen Lust oder Unlust erregen können. Wo nicht besondereund in der Regel leicht erklärliche Bedingungen zu einer Abweichungvorliegen, da wird mit Vorliebe das Lusterregende positiv, dasUnlusterregende negativ bezeichnet. Mit Unrecht würde man aberhieraus schliessen, dass die Lust früher gewesen sei als der Schmerz.Ist es doch eine alte psychologische Bemerkung, dass diese Gegen-sätze innig an einander gebunden sind; jedenfalls wird man an-nehmen dürfen, dass sie so alt oder sogar älter sind wie der Menschselber, da sich uns die deutlichsten Spuren dieser Gefühle schon beiden Thieren verrathen. Lauge bevor die Sprache sich entwickelthat, waren also die Gegensätze schon da, um deren Bezeichnunges sich hier handelt. Dass dann der eine von je zwei contrastiren-den Begriffen durch die Negation des anderen ausgedrückt wurde,war um so naheliegender, je mehr man dieselben als Gegensätzeempfand. Wenn nun hierbei vorzugsweise häufig das Unlust-erregende mit der Negation verbunden wird, so ist dies allerdingskein Zufall. Gewiss liegt aber der Grund nicht darin, dass nur derpositiv bezeichnete Begriff einen positiven Inhalt hat, der negativeals seine blosse Verneinung erscheint. Ist doch mit Bezug auf diesinnlichen Gefühle, wo wir ebenfalls das Unangenehme dem An-genehmen , das Unglück dem Glück gegenüberstellen, gerade imGegentheil mehrfach behauptet worden, dass die Lust der Haupt-sache nach nur in dem Fehlen von Unlust und Schmerz bestehe.Wenn das auch eine Uebertreibung nach der andern Seite ist, sobleibt doch so viel mindestens wahr, dass im allgemeinen jeder derbeiden Gegensatzbegriffe, und im einzelnen Fall bald mehr der einebald mehr der andere, einen positiven Inhalt besitzt. Die Tugendist mehr als eine blosse Negation des Lasters, aber auch das Lasterist keine blosse Negation der Tugend, ebenso wenig wie der Schmerzeine blosse Negation der Lust ist.

*) Ich habe mit Hilfe einiger Wörterbücher eine kleine Statistik der imDeutschen mitUn anfangenden Wörter, welche sittliche Begriffe bezeichnen,ausgeführt. Es ergab sich, dass die auf diese Weise negativ bezeichnetentadelnswerthen Eigenschaften zu den lobenswerthen ungefähr im Verhältnissevon 3 :2 stehen. Noch grösser ist, wenn man die mit dem privativenIn ge-bildeten Wörter zum Massstabe nimmt, der Unterschied im Lateinischen, wodas nämliche Verhältniss annähernd 3 : 1 erreicht.