Die Vertiefung der sittlichen Anschauungen.
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einander abliegende Culturperioden vergleichen muss, um ihr Vor-handensein überhaupt zu entdecken. Und doch entstehen auf diesemWege im Laufe der Zeiten so gewaltige Unterschiede, dass schliess-lich die übereinstimmend bezeichneten ethischen Anschauungen fastnur noch durch den Zusammenhang der Entwicklung und durch denallgemeinen Sinn der sittlichen Billigung und Missbilligung verbundenerscheinen.
Einen sprechenden Beleg für diesen stetigen Wandel der An-schauungen bietet die Allgemeinbezeichnung der Tugend selbst.Offenbar von Anfang an vorzugsweise im Sinne der sittlichen Billigunggebraucht, ist doch die begriffliche Färbung des Wortes zunächst,dem nationalen Charakter entsprechend, bei den verschiedenen Cultur-völkern eine abweichende. Während das deutsche Wort, wie schonerwähnt, die Tauglichkeit, wahrscheinlich im Sinne der Brauchbar-keit für die Geschäfte des Kriegs wie des Friedens, hervorhebt,weisen die griechische Arete wie die römische Virtus auf andere,auch unter sich wieder verschiedene Grundbedeutungen hin. Amnächsten steht dem Deutschen das Griechische. Aber wie das Zeit-wort apsräco die Bedeutungen des Taugens und des Gedeihens insich vereinigt, so unterscheidet sich auch die Arete von der Tugendvon Anfang an dadurch, dass sich in ihr der Begriff der Tüchtig-keit mit dem des durch sie bewirkten Ansehens bei Andern ver-einigt*). Dem Griechen genügt nicht der Werth der Person oderder Handlung an sich; beide müssen auch die ihnen gebührendeStellung in den Augen der Welt einnehmen. Nur wenn sich dieTüchtigkeit des Charakters mit der Schönheit der Erscheinung ver-bindet, hat sie Aussicht sich Geltung zu verschaffen. Darum spielenin dem Begriff der Arete die Elemente der Tüchtigkeit, der Schön-heit und des äusseren Ansehens in einander. Ursprünglich ist unterdiesen Elementen das äusserlichste, dasjenige des Ansehens, sichtlichdas überwiegende. Mehr und mehr lässt aber dasselbe, namentlichbei den Dichtern und Rednern der attischen Periode, den persön-lichen Eigenschaften, die das Ansehen bewirken, den Vorrang, bisendlich in der philosophischen Ethik unter diesen persönlichenEigenschaften wieder diejenigen, die sich auf die allgemein mensch-lichen und socialen Pflichten beziehen, auf die Ehrfurcht vor denEltern, die Ausübung der Gastfreundschaft, die Leitung der Angelegen-heiten der Familie und des Staates, vorzugsweise zum Begriff der
*) L. Schmidt, Die Ethik der alten Griechen, 1 S. 295 ff.