28 Die Sprache und die sittlichen Vorstellungen.
aber haben wir es hier überall mit einem Wortschätze zu thun,der bereits unter dem starken Einflüsse der wissenschaftlichenReflexion steht, so dass nur die Bestandtheile, aus denen dieethischen Begriffe gebildet wurden, nicht diese selbst als Eigen-thum des ursprünglichen Völkerbewusstseins in Anspruch zunehmen sind.
Man hat einen bedeutsamen ethischen Zug der Sprache daringesehen, dass sie zur Bezeichnung der Formen des Unsittlichen vor-zugsweise die negative Ausdrucksform gewählt habe, und dass siezwar überall die Tugenden durch Hinzufügung einer Negation inLaster, nicht aber umgekehrt auf demselben Wege diese in jeneverwandeln könne. So stelle sie dem Recht das Unrecht, demFrieden den Unfrieden, der Sitte die Unsitte gegenüber; so bildesie ferner aus der Tugend die Untugend, aus der Ehre die Ehr-losigkeit, aus der Treue die Untreue u. s. w.; zu Laster, Geiz,Hass, Stolz u. dergl. habe sie aber keine Negationen gebildet.Man meint hierin einen Beweis dafür zu erblicken, dass einerseitsvielfach der Begriff des sittlich Lobenswerthen früher vorhandengewesen sei als sein Gegentheil, und dass anderseits dem Sprach-bewusstsein zwar das Laster als eine blosse Negation der Tugenderscheine, nicht aber umgekehrt*).
Doch, wenn es schon misslich ist, auf sprachliche Erschei-nungen, die vielfach nur unserem neueren deutschen Sprachgebrauchangehören, so weittragende Schlüsse zu bauen, so sind hier nichteinmal die Thatsachen als vollständig zutreffend anzuerkennen. Ab-gesehen davon, dass gerade die fundamentalsten Gegensätze, wieGut und Böse, Tugend und Laster, in positiver Form sich ausgeprägthaben, lassen sich den Beispielen, wo die sittlich lobenswerthe Eigen-schaft durch eine Negation aufgehoben wurde, zahlreiche anderegegenüberstellen, in denen das Umgekehrte eingetreten ist. Sobildet die Sprache aus der Schuld die Unschuld, aus der Sünde dieSündlosigkeit, aus dem Neid die Neidlosigkeit, aus der Selbstsuchtdie Selbstlosigkeit. Sie wählt die Ausdrücke arglos, harmlos, furcht-los, unschädlich, unbescholten, unbestechlich, unbefleckt, unanstössigu. s. w., Ausdrücke, die sämmtlich eine lobenswerthe sittliche Eigen-schaft durch die Negation ihres Gegentheils bezeichnen. Wenn nungleichwohl ein geringes Uebergewicht auf Seiten der negativ be-
') R. v. .Thering, Zweck im Recht, II, S. 78 ft.