Das geistige Gesammtleben der Menschheit.
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Bildung macht niemals ärmer, sondern reicher. Sie, die innerhalbdes einzelnen Volkes die Mannigfaltigkeit der Charakterbildungenunendlich zunehmen lässt, wird sicherlich auch die Völkercharaktere,indem sie einen regeren Austausch der Ideen herb eiführt, nur umso reicher in den ihnen eigenthümlichen Richtungen fortbilden.Unter dem mächtigen Schutz der Kirche hat das Mittelalter einengewaltigen Versuch gemacht die Einheit des geistigen Lehens, dieihm in der Form der Einheit der religiösen Ueberzeugung zunächstaufgegangen war, auch nach allen anderen Richtungen hin durch-zuführen. Kunst und Wissenschaft wurden an Formen gebunden,in denen die nationalen Unterschiede verschwinden sollten. Abernachdem frühe schon die Kunst überall trotz des in seinen religiösenBestandteilen übereinstimmenden Stoffes in jedem Volk ihre eigen-thümlichen Wege gegangen war, hat auch die Wissenschaft die ge-meinsame Gelehrtensprache allmählich beseitigt. In der Zeit, derenAufgabe es war eine Weltliteratur ins Leben zu rufen, hatte dieseGemeinschaft der Sprache eine grosse, auch abgesehen von der nochallzu unentwickelten Gestalt der Nationalsprachen unentbehrlicheMission zu erfüllen. Gleichwohl ist durch die Entwicklung dernationalen Formen des Denkens nicht nur die Kunst, sondern auchdie Wissenschaft unendlich reicher geworden, ohne dass die einmalfestgegründete Einheit verloren gegangen wäre. Wir besitzen heuteebenso gut, ja in Bezug auf die Schnelligkeit und den Umfang desAustausches der Ideen weit vollkommener eine Weltliteratur, als dieZeit da alle Welt lateinisch schrieb sie besessen hat. Diese Welt-literatur ist aber in allen Cultursprachen geschrieben, und sie machtso die ganze Vielgestaltigkeit nationaler Anschauungen zu einem Ge-meingut der Menschheit.
Mit den in ihrer Entstehung national geschiedenen und dochgemeinsam angeeigneten Erzeugnissen der Wissenschaft wetteiferndie Schöpfungen der Künste, in denen die besonderen nationalenGefühlsrichtungen sich ausprägen, die ebenfalls zur Aneignung undweiteren Ausbildung eigener Anlagen andern Volksgeistern überliefertwerden. Schliesslich spielt in diesem immer reger sich gestaltendenAustausch geistiger Wertlie selbst der zunehmende persönlicheVerkehr zwischen Volksgenossen verschiedener Abstammung und diewachsende Verbreitung der Kunde ferner Länder und Völker auseigener Anschauung eine mehr äusserliche, aber für die lebendigeGestaltung der geistigen Wechselwirkungen nicht unwesentliche Rolle.Je mehr auf diese Weise die Menschheit durch die zeitliche Ver-