628
Die Gesellschaft.
aber vor allem auch die sittlichen Bedürfnisse der Gesellschaft selbstsie wieder zu erzeugen streben. Eine allgemeine Gleichheit kannnur von jenem Standpunkte eines extremen Individualismus ausverlangt werden, dem die Gesellschaft nichts ist als eine Summevon Individuen, und der daher in der völligen Auflösung derselbendas Ideal einer angeblichen Gesellschaftsordnung erblickt. In derThat, wenn wirklich der Einzelne der alleinige Zweck alles sitt-lichen Strebens wäre, so liesse sich gegen dieses Ideal kaum vieleseinwenden. Aber indem die Natur des Menschen gegen eine der-artige Aufhebung jeder Gesellschaftsordnung ihr vernehmliches Yetoeinlegt, hat sie zugleich deutlich darauf hingewiesen, dass die Ge-sellschaft, ebenso wie die Familie, selbständige sittliche Zwecke be-sitzt, die sie nur vermittelst der Gliederungen in verschiedene Be-rufs- und Bildungskreise zu erreichen vermag. Diese sind zwarursprünglich zum Theil aus anderen Motiven hervorgegangen, fortanaber werden sie durch jene sittlichen Zwecke verstärkt und ge-schützt. Nachdem die ethischen Einflüsse, welche die Zugehörigkeitzu einer bestimmten Gesellschaftsclasse auf den Einzelnen ausübt,schon oben (S. 604 f.) erörtert sind, bleibt uns hier nur übrig einenBlick auf diese sittlichen Gesammtwirkungen der Gesellschaftsordnungzu werfen.
Theilung der Arbeit ist die Lebensbedingung aller umfas-senderen geistigen Bestrebungen. Wie schon die Familie sittlicheZwecke verfolgt, die dem Einzelnen versagt sind und die sie nichterreichen kann, ohne dass sie jedem Glied seine ihm eigenthüm-lichen in Naturbegabung und geistiger Entwicklung begründetenAufgaben zuweist, so ist nicht minder für die Gesellschaft die Glie-derung in bestimmte Classen ein für die Zwecke des Ganzen undvermöge dieser auch für die Sittlichkeit des Einzelnen unerlässlichesErforderniss. Wir haben es als die Grundvoraussetzung alles gei-stigen Lebens kennen gelernt, dass der Einzelne von den Vorstel-lungen und Bestrebungen der Gesammtheit der er angehört getragenwerde, dann aber selbst wieder durch seine eigenen Gedanken undWillensrichtungen auf die Gesammtheit zurückwirke. In diesemProcesse unaufhörlicher Wechselwirkung kommt dem Einzelbewusst-sein ganz und gar die schöpferische Aufgabe zu; die Gesammtheitist nur die Bewahrerin dessen was Einzelne errungen. Aber indemsie die geistigen Schätze an einen den Untergang der Individuenüberdauernden Träger bindet, macht sie dieselben erst wirkungsvoll