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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die einzelne Persönlichkeit.

andern Gebiete des geistigen Interesses liegt aber nicht in dem Miss-brauch der letzteren, sondern in der Auffassung der Religion selbst.Wenn es Kunstwerke von achter Grösse gibt, die Jedem, welcherBildungsstufe er auch angehöre, Genuss und Erhebung gewähren,so verlangt doch Niemand, dass nun auch Jeder einem solchenWerke gegenüber genau das nämliche denke und fühle. Wenn wirdie Geschichte in sittlicher Beziehung als ein Wissensgebiet vomhöchsten Bildungswerthe für alle Lebensstufen anerkennen, so tvürdees doch absurd sein zu verlangen, dass der Mann der Wissenschaft,der ihr ein eingehendes kritisches Studium widmet, und der Hand-werker, der sich an ihr über das Alltagsleben erheben will, die ge-schichtlichen Thatsachen überall unter denselben Gesichtspunktenbetrachten sollten. Was uns bei Kunst und Wissenschaft als selbst-verständlich gilt, die Anpassung der Auffassung an die Bil-dungsstufe des Einzelnen, das gilt aber für Viele immer nochauf dem Boden der Religion als ausgeschlossen. Sie soll nicht blossin den sittlichen Grundideen, von denen sie getragen ist, sondernauch in der besonderen Gestaltung, die diesen Ideen gegeben werdenkann, für Alle die nämliche, ja sie soll für den heutigen Menschennoch die nämliche sein die sie vor Jahrhunderten für unsere Vor-eltern gewesen. Man ist der engherzigen Meinung, die Religionkönne verlieren, wenn sich ihre Ideen mit der Erweiterung des geisti-gen Gesichtskreises ihrerseits erweitern und vertiefen. Und dochzeigen Wissenschaft und Kunst den Weg, der eine Erhaltung derbleibenden Werthe der religiösen Anschauungen gestattet, ohne dasser nöthigt gleichzeitig das Denken und Fühlen mit Vorstellungenzu belasten, die für die Sache selbst gleichgültig sind. Denn dieWissenschaft lehrt das Dogma als eine veränderliche und unter be-stimmten historischen Bedingungen entstandene Vorstellungsformkennen, die als ihren allein werthvollen Kern die sittliche Idee ein-hiillt, welche zugleich die eigentliche nur oft lange Zeit misskannteTriebkraft des religiösen Denkens selbst ist. Die Kunst aber führtzu dem Gedanken, dass die religiöse Vorstellung ein theils vonästhetischen theils von andern für die Religion äusserlichen Motivenabhängiges Symbol ist, welches der religiösen Idee die der jewei-ligen Glaubens- und Wissensstufe angemessene Form gibt. So istes denn auch dieser für eine naivere Auffassung als Wirklichkeitgeltende, für eine höhere aber in seiner symbolischen Natur erfassteCharakter der religiösen Vorstellungen, der die Vereinigung derverschiedensten Bildungsstufen zu einer Religion als ein erreich-