Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
613
Einzelbild herunterladen
 

Die geistige Bildung.

013

Wer möchte die Fülle von Anregungen und Stimmungen missen,welche die Religion aus bildender Kunst, Musik und Poesie geschöpfthat? Wenn nicht minder die Wissenschaft auf religiösem Bodenursprünglich wurzelt, so ist darum doch auch die intellectuelle Ver-arbeitung der religiösen Fragen nicht bloss, wie es einer oberfläch-lichen Betrachtung manchmal erscheint, eine der mächtigsten Waffengegen die Gebundenheit religiöser Ueberlieferungen, sondern nichtweniger bedeutsam sind hier die ungeheuren Wechselwirkungenfördernder Art, die sich hinter jenem Kampf gegen überlebte reli-giöse Vorstellungen verbergen. Ist doch die ganze Denkweise derneueren Metaphysik von Descartes an von der vorangegangenentheologischen Speculation beeinflusst. Wie mächtig wirkt, für Jedensichtbar dem hinter der äusseren Hülle nicht der tiefere Gehalt derAnschauungen verschwindet, der Geist religiöser Hingabe in einemso unabhängigen Denker wie Spinoza! Dass dem religiösen Gefühlaus dieser Quelle wissenschaftlichen Denkens immer neue Anregungengekommen sind, kann nur derjenige verkennen der nichts davonwissen will, dass auch die Religion nicht ohne Entwicklung, ohnefortwährende Anpassung an die sonstigen Bedingungen des geistigenLebens bestehen kann. Die Wissenschaft, vor allem die Philosophieist es die diesen fortwährenden Process der Umbildung der religiösenIdeen vermittelt, wie dies namentlich das grösste Ereigniss lehrt,in welchem sich jener Einfluss in der Neuzeit bethätigt hat, dieReformation.

Die analogen Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Wis-senschaft bedürfen kaum mehr der Hervorhebung. Sie sind allseitiganerkannt. Wie ungeheure Gebiete hat allein die Geschichte denhöheren Formen der Kunst erschlossen! In dem Verständniss desinneren Zusammenhangs der Charaktere und Begebenheiten nimmtdas künstlerische Auffassungsvermögen zumeist mit sicherem Taktvoraus was die spätere Erforschung erst mühselig bestätigt, und dieBelebung der Wirklichkeit in Natur und Geschichte weckt so nichtnur das Interesse an den Gegenständen, sondern es stellt auch ersteinen überall greifbaren Zusammenhang her, während sich der Arbeitdes Verstandes allzu sehr das Ganze in seine einzelnen Bestandtheileauseinanderlegt. Darum ist für alle die Regionen der Wissenschaft,bei denen es nicht bloss auf eine peinliche Zergliederung von An-schauungen und Begriffen sondern auf eine die Wirklichkeit geistigreconstruirende Verbindung ankommt, die wissenschaftliche zugleicheine künstlerische Thätigkeit; und selbst auf den übrigen Gebieten