Die geistige Bildung.
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forderliche Mass ist unerlässlich, wenn geistige Interessen überhauptsollen entstehen können. Der Beruf aber muss zu der Beschäftigungmit ihnen Zeit und Kraft übrig lassen, wenn trotz etwa vorhandenenUeberflusses materieller Güter das geistige Leben nicht dennochverkümmern soll. So tritt auch hier von Seite des Individuums andie Gesellschaftsordnung eine Forderung heran die Befriedigungheischt, falls jener Ordnung überhaupt der Charakter einer sitt-lichen zukommen soll, die Forderung dass sie Jedem, dem es nichtan dem eigenen Willen zu redlicher Arbeit fehlt, die Möglichkeiteiner Existenz biete, die der geistigen Güter des Daseins nicht ent-behre. Der Staat muss nicht nur darauf bedacht sein, dass den-jenigen die in seinem Dienste arbeiten die zur Theilnahme angeistigen Interessen erforderliche Freiheit bleibe, sondern er hat auchden privaten Arbeitsverkehr in diesem Sinne in seine schützendeObhut zu nehmen.
Die geistige Bildung selbst aber kann nun so wenig wie Besitzund Beruf für alle Menschen gleich sein. Die Verschiedenheiten 1der Anlage, die Unterschiede der Besitz- und Berufsverhältnissemachen hier ihre Hechte geltend. Darum ist es überhaupt nichtder Umfang der geistigen Interessen sondern die Energie, mitwelcher dieselben zur eigenen Gemüthsbildung verwendet werden,die ihren sittlichen Werth ausmacht. Die geistigen verhalten sichin dieser Beziehung nicht anders als die materiellen Güter. Wieder bescheidene Handwerker im Genüsse seines massigen Erwerbsoft zufriedener ist als der Millionen besitzende Kaufmann, dessenSorgen und Pflichten mit der Grösse der Summen über die er ver-fügt zunehmen, so kann die Hingabe an die einfachsten religiösenIdeen dem leiblich und geistig Armen mehr innere Erhebung ge-währen als dein auf der Höhe des Lebens stehenden Reichen dieBeschäftigung mit den Schätzen der Kunst und Literatur. Nichtwo, in welchem Umfang und in welchen Gebieten, sondern wie,mit wie viel Ernst und innerem Erfolg, der Einzelne theilnimmt andem geistigen Gesammtleben der Menschheit — das ist die Frage,die über den sittlichen Werth seiner Bildung entscheidet, weil hiervonallein die sittliche Gesinnung und damit das Glück abhängt, das vonjener Theilnahme an den geistigen Gütern ausgeht.
Von diesem Gesichtspunkte aus sind zugleich die Stufen zubeurtheilen, in denen sich, wie das geistige Leben selbst, so auchdie Theilnahme an den allgemeinen geistigen Interessen entwickelt.