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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die sittlichen Normen.

es vorzugsweise die weicheren und weiblichen Naturen, die die ersterenüben, so gelten uns dagegen die starken und männlichen Charaktereals die Hüter des Gemeinsinns. Der Staatsmann, dessen öffentlicheWirksamkeit vom reinsten Patriotismus erfüllt ist, kann rücksichtslosden Einzelnen den allgemeinen Zwecken opfern, und zur Erfüllungvon Samariterpflichten ist er selten angelegt. Dieser scheinbareGegensatz findet aber seine Lösung eben darin, dass in der subjec-tiven Norm vorzugsweise das Motiv, in der objectiven der Zweckzur Geltung kommt. Hat der letztere selbst erst in der bewusstenEx-kenntniss der sittlichen Zwecke den Werth eines Motivs gewonnen,so kann es um so leichter geschehen, dass das ursprüngliche Motivfür Augenblicke hintangesetzt wird, nicht damit es überhaupt ver-schwinde, sondern damit es um so reicher sich bethätigen könne.Der Gemeinsinn muss zuweilen über die nächsten Antriebe derMenschenliebe sich hinwegsetzen, gerade weil er der Pflichten derMenschenliebe eingedenk bleibt. In dieser Verfolgung von Zwecken,die über die nächsten socialen Motive hinausgehen, befindet sich aberdie Tugend des Gemeinsinns schon auf dem Wege zur Ausübungjener höchsten Pflichtgebote, die in der nach Zeit und Raum un-begrenzten geistigen Gemeinschaft der Menschheit ihr letztesObject haben.

4. Die humanen Normen.

In den individuellen und den socialen Tugenden liegen die all-gemein humanen schon im Keime verborgen. Denn Individuum undGesellschaft sind Theilkräfte verschiedener Ordnung, die an der sitt-lichen Entwicklung der Menschheit mitwirken. Insbesondere reichendie höchsten Leistungen der Pflichttreue und des Gemeinsinns immerüber den unmittelbaren Pflichtenkreis dem sie angehören hinaus undwerden zu humanen Tugenden, indem sie nur als Leistungen imSinne einer im Verhältniss zum Werth des Einzeldaseins unendlichenAufgabe ihre Erklärung, und zuweilen sogar allein unter diesemGesichtspunkte ihre Rechtfertigung finden. Alle die Thaten derPflichtti-eue, der Nächstenliebe und des Gemeinsinns, die mit derbewussten Selbstaufopferung des Einzelnen oder einer zur Pflicht-erfüllung sich vei-einenden Gemeinschaft verbunden sind, überschreitenweit die Grenzen der individuellen und socialen Bedingungen, in denensie sich zunächst vollziehen. Auch das sittliche Subject selbst hat