Die socialen Normen.
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bleibt eben subjectiv wie objectiv das eigene Selbst der Beziehungs-punkt aller Gesinnungen und Bestrebungen. Die Nächstenliebedagegen gewinnt in ihrer objectiven Bethätigung nur dann einensittlichen Werth, wenn sie nicht bloss individuell ist, sondern denNebenmenschen als solchen, abgesehen von den besonderen persön-lichen Beziehungen die ihn zum Gegenstand des Affects machen,als sittliches Zweckobject betrachtet. Darum gilt hier jene engbegrenzte Nächstenliebe, welche in der Achtung und Förderung derFreunde, der Angehörigen oder allenfalls auch der durch engeregemeinsame Interessen verbundenen Genossen aufgeht, nur als einerweiterter Egoismus. Führt sie doch nur zu oft, gleich dem ge-meinen Eigennutz, zu einer Ausbeutung allgemeinerer zu Gunstenindividueller oder mindestens beschränkterer Zwecke. Immerhin istes eine für das Yerhältniss von Motiv und Zweck charakteristischeThatsache, dass auch unter den Tugenden die subjective einenbeschränkteren Umfang und eine vorzugsweise persönliche Richtunghat. Ein achter Gemeinsinn wird nirgends ohne wahre Nächsten-liebe zu finden sein, aber in dieser bleibt immer etwas von dem in-dividuellen Affect, der nicht den Menschen an jeden beliebigen seinerNebenmenschen sondern jeweils an einen bestimmten fesselt, mit demihn gemeinsame Pflichterfüllung, übereinstimmende Lebensinteressen,humane Theilnalime oder auch nur der Zufall in Berührung bringen.Erst in den praktischen Bethätigungen des Gemeinsinns befreit sichdie Pflichterfüllung von diesem persönlichen Zug der dem subjectivenGefühl anhaftet. So ist namentlich die Vaterlandsliebe eine durchdie Rückwirkungen des Gemeinsinns allgemeiner gewordene Nächsten-liebe. Selbst sie strebt sich zwar immer wieder im einzelnen Fällin Gefühle persönlicher Art umzusetzen. Was würde aus ihr, wennalle die Beziehungen verschwänden, die uns mit den mit uns Leben-den, mit denen die unsere Sprache reden, sich der gleichen geistigenGüter, der gleichen Erinnerungen erfreuen, verbinden? Auch hierüberschreitet aber der objective Zweck das subjective Motiv, und inFolge der Rückwirkung des ersteren gewinnt dann das als Motivwirkende Gefühl eine Stärke, die sich aus allen jenen persönlichenElementen nicht mehr erklären lässt.
Immerhin bleibt in Folge dieser Verhältnisse leicht geradeinnerhalb der socialen sittlichen Normen eine gewisse Incongruenzbestehen zwischen der Befolgung des subjectiven und des objectivenPflichtgebots. Die Tugenden der Nächstenliebe scheinen uns mit
denen des Gemeinsinns nicht immer harmonisch geeint zu sein. SindWundt, Ethik. 2. Aufl. 36