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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die sittlichen Nonnen.

bloss von Fall zu Fall zu entscheiden, oder gibt es eine allgemeineMaxime, die eine solche Wahl von vornherein dem individuellenErmessen entzieht? Es ist klar, dass wenn das erstere zuträfe, diesfür die Ethik überhaupt gleichbedeutend mit einem Verzicht aufallgemeine Principien wäre. Gibt es solche, so kann die Frage nachdem Vorrang bestimmter Sittengesetze unmöglich bloss dem Instinctder praktischen Lebensführung überlassen bleiben; oder dies kanndoch höchstens im nämlichen Sinne geschehen, in welchem manauch sonst dem natürlichen Takt und der erworbenen Uebung zu-traut, dass sie unmittelbar wählen werden was die nachfolgendeUeberlegung als das im gegebenen Fall angemessene billigt.

Nun hat sich uns in der That in der Reihenfolge dersittlichen Zwecke bereits das Princip dargeboten, das hier denWerthunterschied der Normen und damit auch die Frage des Vor-zugs im Falle ihres wechselseitigen Conflictes entscheidet. JeneReihenfolge aber bestand darin, dass sich über den individuellendie socialen, über diesen die humanen Zwecke erhoben. Dem-gemäss lautet die Regel, nach der jederzeit der Conflict der Normenzu entscheiden ist, folgendermassen:

Sobald Normen verschiedener Gattung in Wider-streit treten, ist der Vorzug jener zu geben, die demumfassenderen Zwecke dient: dem individuellen gehtder sociale, dem socialen der humane Zweck vor.

Man würde jedoch diese Regel missverstehen und zu Aus-legungen kommen, die zu ihrem wirklichen Inhalte den schroffstenGegensatz bilden, wenn man die Begriffesocial und .human,besonders den letzteren, hier in jenem weiteren Sinne nehmen wollte,in welchem er in der Geschichte der Sitte zur Anwendung kommt*).Nirgends offenbart sich so deutlich der Unterschied von Sitte undSittlichkeit wie gerade hier. Die Sitte bahnt der Sittlichkeitdie Wege: sie ist erfüllt von sittlichen Vorstellungen; aber sie ent-hält diese zumeist in unentwickelten oder einen tieferen sittlichenZweck bloss symbolisch andeutenden Formen. Namentlich aber ver-folgt sie auch innerhalb der socialen und humanen Regeln die sievorschreibt häufig unmittelbar nur individuelle Zwecke, undallein die Art der Verfolgung dieser Zwecke weist auf eine imHintergrund stehende humane Idee hin. So findet in den Formender socialen Höflichkeit die Achtung gegen den Nebenmenschen, so

) Vgl. oben Abschn. I, Cap. III, S. 128, 227 ff.