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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der Conflict der Normen.

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nicht um einen Widerspruch der Grundsätze selbsthandelt, sondern lediglich um die Frage ihrer Anwendbarkeitauf einzelne Fälle. Ein sittlicher Thatbestand kann Merkmaledarbieten, die ihn einer bestimmten Norm unterwerfen würden; aberzu diesen Merkmalen kommen weitere hinzu, die eine solche Sub-sumtion hinfällig machen und eine andere unter eine höhere Norman deren Stelle setzen. Man kann hier im Grunde die Ausnahmevon der Norm ebenso gut als eine bloss scheinbare bezeichnen wiejene Ausnahmen von Naturgesetzen, die in Folge ihrer Concurrenzmit andern Naturgesetzen so häufig stattfinden*).

Doch durch eine derartige Interpretation wird ein wesentlicherUnterschied nicht beseitigt, der unleugbar zwischen diesen beidenFällen stattfindet. Wo ein logischer Grundsatz oder ein Naturgesetzkeine Anwendung findet, da bleibt immerhin ein Erfolg, der imvollen Gegensätze zu dem Princip steht, unmöglich. Das aber istes gerade, was sich bei dem Conflict der Normen ereignet. Diesenmuss also von vornherein die Eigenschaft zukommen, dass die einezur Hintansetzung und selbst geflissentlichen Nichtachtung der andernführen kann. Wir kommen damit auf eine Eigenschaft, die in derThat dem sittlichen Gebiet specifisch eigenthümlich ist, und die aufdem Verhältnisse beruht, in welchem die verschiedenen sittlichenLebenskreise zu einander stehen. Dieses Verhältniss ist nämlichnicht bloss ein verschiedenes Werth verhältniss, sondern esverbindet sich damit auch ein verschiedener Zweckinhalt, indemzwar in Bezug auf die letzten Ziele eine harmonische Ueberein -stimmung zwischen allen Lebensgebieten stattfindet, bei den vorüber-gehenderen Zwecken aber eine Divergenz möglich bleibt, so dassnun dem Willen die Wahl zwischen solchen Zwecken verschiedenenWerthes gestellt ist, deren jeder einer bestimmten Gattung vonNormen entspricht und einer andern widerspricht. In Folge dessenist nun nicht mehr diejenige Handlung eine sittliche, die überhaupteinem Sittengesetze conform ist, sondern diejenige, die jenemSittengesetze entspricht, das der höheren Werthgat-tung angehört.

Hier entsteht aber die wichtige Frage, welche denn unterden verschiedenen mit einander in Conflict gerathenden Normen alsdie höhere und werthvollere anzusehen sei. Ist diese Frage etwa

*) Vgl. meinen Aufsatz über den Begriff des Gesetzes etc., PhilosophischeStudien, IIT, S. 201 ff. .