Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
542
Einzelbild herunterladen
 

542

Die sittlichen Normen.

vorliegen, wie: -Du sollst nicht tödten, du sollst nicht ehebrechen,du sollst nicht stehlen u u. s. w. Im ganzen Mosaischen Dekalogsind die Gebote den Sabbath zu heiligen und Vater und Mutter zuehren die einzigen eigentlichen Gebote, alle andern sind Verbote.Der nächste Grund dieses negativen Charakters der Sittengeboteliegt in ihrer unmittelbaren Beziehung zum menschlichen Willen.Denn sie unterscheiden sich von allen Regeln rein theoretischerArt eben dadurch, dass ihre Befolgung der freien Wahl anheim-gegeben ist, so dass die Warnung vor der Abirrung von derNorm zum nächsten praktischen Bedürfniss wird. Nur in der Logik,insofern sie eben eine Ethik des Denkens ist, wiederholt sich, wenn-gleich in beschränkterem Masse, die nämliche Erscheinung. Auchsie kann ihre Vorschriften in die negative Form kleiden, indem siedie logisch fehlerhaften Gedankenverbindungen verbietet. Ein Reflexdieser ursprünglichen Neigung zur Form des Verbots ist in diesemFalle die merkwürdige Thatsache, dass selbst als erste axiomatischeFormulirung noch ein negativer Satz, der des Widerspruchs, unsentgegentritt, dem freilich mit Recht durchweg in den neueren Sy-stemen der Satz der Identität den er voraussetzt vorangestellt wurde.

Eine ungleich grössere Bedeutung gewinnt jedoch die Classeverbietender Normen in der Ethik. Man wird nicht umhin könnenden tieferen Grund dieser Thatsache in der weitaus grösseren Wich-tigkeit zu finden, die hier der Abweichung von der Norm zu-kommt. Ein logischer Irrthum mag den Einzelnen oder selbst Vielekürzere oder längere Zeit auf falsche Wege führen; die Folgengleichen sich aus, sobald der Irrthum nur erst eingesehen ist. DerVerstoss gegen die sittlichen Normen hinterlässt aber ungleichschwerere und nicht selten nie wieder gut zu machende Nachwir-kungen, indem er nicht bloss den schädigt der ihn begeht, sondernauf Andere und in vielen Fällen selbst auf die Gesammtheit zurück-wirkt, welcher der Fehlende angehört. Durch ein Denken, das sichdamit begnügte logische Irrtliümer zu vermeiden, würde für die Er-kenntnissbestrebungen der Menschheit nicht viel gewonnen sein:hier ziehen wir daher den kühneren Denker, der lieber irrt als ver-zichtet, dem allzu behutsamen Skeptiker vor, welcher der Gefahreinen Fehlgriff zu thun durch ein bequemes Nichtwissen zu ent-gehen sucht. Auf sittlichem Gebiete dagegen meinen wir, es seischon viel gewonnen, wenn 'nur schwerere Fehltritte unterbleiben.Auch entbehrt hier der begangene Fehler fast ganz jener heilendenWirkung, die ihm, sobald er erst als Irrthum erkannt ist, auf logi-