Die Wahmehmungsmotive.
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Das einzige Object des Mitgefühls ist somit der Mensch oder,wie wir um diese innigere Beziehung anzudeuten ihn nennen, derNebenmensch. Die Thiere sind für uns Mitgeschöpfe, einAusdruck durch welchen die Sprache schon darauf hinweist, dasswir nur mit Bezug auf den letzten Grund alles Geschehens, die Schöpfung,hier eine Art Nebenordnung anerkennen. So können denn auch denThieren gegenüber Regungen entstehen, die dem Mitgefühl einiger-massen verwandt sind; aber zum wahren Mitgefühl fehlt immer dieGrundbedingung der inneren Einheit unseres Willens mit dem ihren.Jenes übertragene Mitgefühl erstreckt sich daher naturgemäss nieweiter, als uns zur Voraussetzung von Bewusstseinselementen Anlassgegeben ist, die den unseren verwandt sind. Es bleibt beschränktauf die sinnlichen Empfindungen und Gefühle, und auch hier istnur diejenige Art Mitgefühl möglich, bei der sich der Fühlende frei-willig zu dem Gegenstände herablässt, nicht jene, bei der er den-selben sich gleichstellt: wir können Mitleid mit den Schmerzeneines Thieres empfinden; es fehlt uns aber ihm gegenüber ganz dasedlere Gefühl der Mitfreude, welches subjectiv wie objectiv einPrivilegium des Menschen bleibt. Zugleich ist es bemerkenswerth,dass, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen, das Thier sich zuuns verhält wie wir zu dem Thiere. Das durch den Umgang mitdem Menschen veredelte Thier kann sich zum Mitleid mit mensch-lichem Leid erheben; an menschlicher Freude vermag es nicht theil-zunehmen, wenigstens nicht in der Form des reinen, uninteressirtenMitgefühls; dieses höchste unter den Motiven der unmittelbarenWahrnehmung bleibt ihm ebenso verschlossen, wie seinerseits derMensch dasselbe nur dem Nebenmenschen gewährt. Auch darinübrigens verräth sich die geistige Stufe der Thiere als eine vor-sittliche, dass selbst bei den höheren Thieren auch ihren eigenenGenossen gegenüber das Mitleid die einzige Regung ist, die wir ge-legentlich beobachten. An Genüssen erfreuen sie sich wohl gemein-schaftlich, aber jedem Individuum wird dabei nur sein eigener sub-jectiver Genuss zur Freude. Jene Mitfreude, die in der Freude desAnderen eine Quelle eigener Lust findet, bleibt ihnen unbekannt.
In seiner Entwicklung entspricht das Mitgefühl vollständigdem ihm verwandten Selbstgefühl. Auch bei ihm verdichten sichallmählich Verstandes- und Vernunftmotive zu blossen Wahrneh-mungstrieben. Anderseits enthalten aber die letzteren selbst schonin ihren primitivsten Formen die Keime zur Entwicklung jener höherenWillensmotive in sich. Ganz besonders sind hier die Mitgefühle
Wundt, Ethik. 2. Aufl. 38