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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die sittlichen Motive.

Conflict der Pflichten die Entscheidung erschwert. Unsere Berufs-pflicht zu thun, das gegebene Wort zu halten, die Wahrheit zu sagen,das sind Antriebe, die in Jedem, der nicht sittlich verkommen ist,als unmittelbare Reactionen des Selbstgefühls wirksam werden, wennsie auch vielleicht nicht in jedem Augenblick dem Widerstreitanderer Motive Stand halten können. Je vollkommener aber sich derCharakter entwickelt hat, ein um so reicherer Schatz einstiger Ver-standes- und Vernunftmotive hat sich im Selbstbewusstsein zu Wahr-nehmungstrieben verdichtet, und um so grösser wird die Sicherheit,mit der die geeigneten Lebenseindrücke die entsprechenden Hand-lungen auslösen.^ Während also ein Sittengesetz, welches das Guteohne Neigung, das heisst ohne Motive, zu thun fordert, mehr ver-langt als geleistet werden kann, ist es im Gegentheil das ächte Kenn-zeichen des reifen Charakters, dass er das Sittliche ohne Ueberlegung,aus reiner Neigung vollbringt.

Das Selbstgefühl wird ergänzt durch das Mitgefühl. Ebendiese unerlässliche Ergänzung ist es wohl, die jenen falschen Er-klärungen Vorschub geleistet hat, welche dasselbe entweder durcheine Reflexion oder durch eine mittelst der Association entstehendeUebertragung aus dem Selbstgefühl abzuleiten suchen. Schon dieoberste Prämisse dieser Erklärungen, wonach das Mitgefühl spätersein soll als das Selbstgefühl, wird in keiner Erfahrung bestätigt.Wie das individuelle Bewusstsein sich sofort in einem Gesammt-bewusstsein, der Individualwille in einem Gesammtwillen eingeschlossenfindet, mit dem er die wesentlichsten Antriebe theilt, so ist auch dasMitgefühl ebenso ursprünglich wie das Selbstgefühl. Denn mit demSelbstbewusstsein hat sich zugleich das Bewusstsein von Objectenentwickelt, die dem Ich gegenüberstehen. Dieses existirt nicht ohneGegenstände, so wenig wie Gegenstände ohne ein sie appercipirendesIch. Aber die Objecte werden nicht als gleichgültige Dinge wahr-genommen, sondern die nächsten und wichtigsten erscheinen als demIch gleichartige, an seinen Vorstellungen und Gefühlen theilnehmendeWesen. So sind Selbstgefühl und Mitgefühl gleichzeitig entstandeneGefühlsformen, ebenso wie Selbstbewusstsein und objectives Bewusst-sein gleichzeitig entwickelte Vorstellungsformen. Alle aus dem Mit-gefühl entspringenden Motive sind daher an die Existenz einesrealen G esammtwillen s gebunden. Nicht auf beliebige Objectebeziehen sie sich, sondern immer nur auf diejenigen, die wir alsgleichartige Wesen, also als selbstbewusste Persönlichkeiten mit über-einstimmenden Willensrichtungen anerkennen.