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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die sittlichen Zwecke.

kommen würde, wenn sie möglich wäre, wahrscheinlich wenig unsereRuhe stören; den Gedanken, dass der Staat und das Volksthum,denen wir angehören, nach wenigen Generationen dem Untergangverfallen seien, würden wir schwerer ertragen. Hier muss die Grenzemindestens um viele Jahrhunderte hinausgerückt werden, damit wirjene Aussicht im Hinblick auf die allgemeine Vergänglichkeit ge-schichtlicher Schöpfungen erträglich finden. Aber eine Vorstellunggibt es, die wir, selbst wenn wir ihre Verwirklichung in Jahr-tausende verlegt denken, immer unerträglich finden würden: dies istder Gedanke, dass die Menschheit mit ihrer gesammten geistigenund sittlichen Arbeit überhaupt spurlos verschwände, und dass vonallem dem absolut nichts, nicht einmal in irgend einem Bewusstseineine Erinnerung zurückbliebe. Darum richten wir überall, wo demEinzeldasein Grenzen gezogen sind, unsere Blicke über dieses hinausund erfreuen uns an der Hoffnung auf die Zukunft der grossen so-cialen Gemeinschaften, denen wir angehören und mit denen wir anbleibenderen sittlichen Zwecken arbeiten; und wo auch diese Ge-meinschaften unserem in die Zukunft gerichteten Blick verschwin-den, da leben wir der Zuversicht, dass die humanen sittlichen Zwecke,in denen endlich alles Einzelne aufgeht, niemals verschwinden wer-den. ' Solche Zuversicht ist kein Wissen sondern ein Glauben, aberder letztere gründet sich auf jene dialektische Zersetzung der ethi-schen Zweckbegriffe, die jeden gegebenen sittlichen Zweck immernur als einen nächsten, nie als einen letzten, schliesslich also nur alsein Mittel zur Erreichung eines unvergänglichen Endzwecks anerkennt.

So besteht der durchschlagende Grund für jene fortwährendeVerschiebung der sittlichen Zwecke in der Vergänglichkeit desEinzeldaseins. Mag dieses Einzeldasein noch so reich beglücktund vollkommen sein, es ist ein Tropfen im Meer des Lebens. Waskönnen sein Glück und sein Schmerz für die Welt bedeuten? Diechristliche Ethik hat diese Nichtigkeit des Einzelglücks tief em-pfunden, indem sie ihm in der Verheissung einer ewigen Seligkeitdie Idee eines Glückes von unendlichem Werthe und von unend-licher Dauer gegenüberstellte. Aber die Ergänzung, welche die re-ligiöse Hoffnung nur im Unendlichen sucht, ist, in freilich endlichenund darum unzulänglichen Annäherungen, dafür aber auch mit Be-seitigung der dort vorhandenen egoistischen Beschränkung, schonim wirklichen Leben zu finden, und nur deshalb weil sie es istträgt dieses Leben die Bürgschaft einer wirklichen Unvergänglich-keit seiner letzten ethischen Zwecke in sich.