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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der sittliche Wille.

geworden, ja in entscheidenden Momenten kann es wagen sich überdieselben hinwegzusetzen, weil es erkennt, dass es Wendepunkte dersittlichen Entwicklung gibt, wo das bis dahin für recht und sittsamgehaltene zum Unrecht und zur Unsitte wird. Indem zugleich dieinstinctive Rechtschaffenheit einem von der Erkenntniss der sittlichenZwecke erleuchteten Rechtthun den Platz räumt, wird aus diesenZwecken heraus jeder Conflict der Pflichten entschieden.

Es ist begreiflich, dass diese letzte Form des Charakters häufigerin unzulänglichen Annäherungen als in einer dem Ideal einigermassenentsprechenden Vollkommenheit vorkommt. Jene Annäherungen be-zeichnen wir als edle Charaktere. Innerhalb des grossen Durch-schnittsmasses von Wohlanständigkeit und Rechtschaffenheit, ausdem sich die gemeine Sittlichkeit zusammensetzt, bilden sie, wiealles was der Vollkommenheit in persönlicher Form auch nur vonferne sich nähert, seltene Ausnahmen. Sie sind der wahre Geistes-adel, der über jenes oft fälschlich mit diesem Namen belegte Mittel-gut, das sich nur durch eine etwas ungewöhnliche intellectuelleAusbildung hervorthut, thurmhoch emporragt. Ueber die Edelnleuchtet aber wieder, wie die Sonne über die Wandelsterne, derideale Charakter, das sittliche Genie, das, unendlich viel seltenerals andere Arten genialer Begabung, der Geist der Geschichte viel-leicht in Jahrhunderten oder Jahrtausenden einmal hervorbringt.Während die weit überwiegende Masse sittlicher Kräfte für dieGegenwart und allenfalls für die nächste Zukunft arbeitet, scheintsich in dem idealen Charakter der Gesammtgeist der Menschheitverkörpert zu haben, um, erfüllt von der ganzen sittlichen Ent-wicklung der Vergangenheit, in die weitesten Fernen der Zukunftsein Licht zu senden.

Dass der ideale Charakter unter allen Begabungen die seltensteist und darum als eine Erscheinung Gottes auf Erden angesehenwerden mag, ist vielleicht ebenso nothwendig, als dass die höch-sten Begabungen in Kunst, Wissenschaft und Politik nicht alleTage Vorkommen. Wenn in einer Gesellschaft die überwiegendeMasse sich bemüht ihren guten Leumund zu wahren, und wenn dazueine ansehnliche Zahl, namentlich unter denen die eine wichtigeStellung einnehmen, darauf Bedacht nimmt anständig zu sein inGesinnung und Handlung, so kann ein solches Gemeinwesen, fallses nur noch über ein paar rechtschaffene Charaktere verfügt, denAnsprüchen an einen sittlichen Zustand von normaler Güte genügen.Dasselbe wird zwar in der sittlichen Cultur und in allem was damit