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Der sittliche Wille.
einer solchen Unbedingtheit auf keiner Stufe der sittlichen Entwick-lung die Rede sein kann. Es gibt kein noch so heiliges Sittengesetz,das nicht im einzelnen Fall gerade um der grösseren Heiligkeit derallgemeinen sittlichen Aufgaben willen ausser Acht bleiben müsste.Wie wir aber bei einem solchen Conflict der Pflichten zu wählenhaben, darüber kann kein a priori in uns liegender Grundsatz, son-dern nur jene allgemeinere Erfassung sittlicher Lebensaufgaben ent-scheiden, die vermittelst der zurückgelegten geistigen Entwicklungund auf Grund einer reichen sittlichen Erfahrung möglich ist. Aufder anderen Seite gibt es kein grösseres Yorurtheil als die Meinung,es bedürfe für den Menschen ganz besonderer Veranstaltungen, umihm die Unbedingtheit und Allgemeingültigkeit bestimmter Sätze ein-zuprägen. Was hat nicht, so lange es eine Wissenschaft gibt, schonfür unbedingt zweifellos und nothwendig gegolten? Und wie gering-fügig waren nicht selten, wie sich nachträglich zeigte, die Motive,auf Grund deren man eine solche apodiktische Geltung unter Um-ständen willkürlicher Sätze behauptete? In der That, wenn dieSicherheit der moralischen Imperative auf diesem Grund ruhenmüsste, so wäre es mit ihr misslich bestellt. Sind aber die Ursachen,die menschliche Ueberzeugungen bestimmen, nicht immer von ent-scheidendem Werthe, so werden wir uns auch nicht wundern dürfen,wenn wir unter den imperativen sittlichen Motiven solche antreffen,die an sich eine entscheidende Bedeutung nicht besitzen. Ja selbstdie Thatsache, dass solche minderwerthige Beweggründe vielleichtbei der ungeheuren Mehrzahl der Menschen eine überwiegende Rollespielen, darf uns nicht irre machen. Der Werth des Sittlichen kannnicht darunter nothleiden, dass die Gründe seiner Verwirklichungim einzelnen Fall nicht der Höhe der sittlichen Ideen selber ent-sprechen. Im Gegentheil, es gehört wohl zu den bewunderns-werthesten Seiten der sittlichen Entwicklung, dass in ihr so vielfachBedingungen von untergeordnetem Werthe zu den höchsten Wirkungensich vereinigen. Auch dies ist eine Aeusserung jenes Princips derHeterogonie der Zwecke, welches alle sittliche Entwicklung beherrscht.Suchen wir uns demgemäss über die Bedingungen, die impulsive inimperative Motive verwandeln können, Rechenschaft zu geben, solassen sich vier solche Quellen aufzeigen: der äussere Zwang,der innere Zwang, die dauernde Befriedigung und die Vor-stellung eines sittlichen Lebensideals mit den sie beglei-tenden impulsiven Ah'ecten.