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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die verschiedenen Auffassungen des Gewissens.

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mythologischen G-ewissenstheorie zu betrachten ist, enthält zweiVoraussetzungen, von denen die eine der sittlichen Erfahrung, dieandere der psychologischen Natur des Menschen widerstreitet. Dassdie sittliche Pflicht überall als die nämliche aufgefasst werde, unddass darum das Gewissen von allem Wandel der Zeit frei sei, be-stätigt sich nirgends in der geschichtlichen Erfahrung. Diese machtuns zwar mit einer Reihe von Thatsachen bekannt, nach denen dieAuffassung des Sittlichen in der Menschheit wahrscheinlich einerendlichen Uebereinstimmung allmählich entgegengeht; aber es istnicht minder gewiss, dass eine solche Einheit höchstens als letztesResultat einer langen Entwicklung eintreten wird. An allen diesenWandlungen nimmt das Gewissen theil: seine Erscheinungsformenzersplittern sich, um erst allmählich aus dem wandelbaren Inhaltgleichgültiger Gebote einen festen Kern gemeinsamer Ueberzeugungenzu gestalten. Indem nun die philosophische Theorie derStimmedes Gewissens überall die nämlichen Gebote unterschiebt, wieder-holt sich in ihr die alte Umkehrung der Wirklichkeit, die der Mythusvom goldenen Zeitalter in dichterische Form bringt. Nur dadurch,dass er den Thatsachen die äusserste Gewalt anthut, kann sich derIntuitionismus mit dieser Wandelbarkeit des Gewissens abfinden. Dieeine Erfahrung, dass es ganze Völker und Zeiten gegeben hat,denen der Mord aus Anlässen, die uns verwerflich erscheinen, nichtals ein Verbrechen, sondern als eine ruhmwürdige That galt, ist einzureichendes Zeugniss. Wenn es eine schlechthin unveränderlicheGewissensregel in uns gäbe, so möchte diese immerhin im einzelnenFall durch egoistische Triebe verdunkelt werden, aber was wirdaus ihr, wenn sich zeigt, dass sie einer primitiven sittlichen Culturüberhaupt fehlt? Die religiöse Vorstellung, die Gott und den Teufeleinen wechselnden Kampf um das menschliche Herz führen lässt,bewährt hier einen offeneren Sinn für das Thatsächliche. Indem sieden endlichen Sieg des Guten in Aussicht stellt, gibt sie zwar inphantastisch-mythologischer Form, aber sie gibt doch Rechenschaftvon dem Gesetz der Entwicklung, das alles sittliche Leben beherrscht.Jene Philosophie dagegen, der sich die Stimme Gottes zu einem un-wandelbaren kategorischen Imperativ der Pflicht versteinert, und diedem Teufel die ebenfalls unveränderlichen sinnlichen Neigungenunterschiebt, opifert die Entwicklungsfähigkeit der sittlichen Ideenund damit den werthvollsten Inhalt des sittlichen Lebens selber.Kann man aber schliesslich darüber zweifelhaft sein, welche Auf-fassung die grössere und darum die sittlichere ist, jene, die das Sitt-