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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der sittliche Wille.

lung einer specifischen seelischen Kraft, die der Name erweckenkann, ist jedoch ein Gedanke mythologischen Ursprungs, der sichdamit verbindet. Die Ausdrücke Gewissen, Conscientia, Syneidesisweisen unmittelbar auf ein Mitwissen hin*). Dem Wissen, scirewird das Mitwissen, conscire wie die Thätigkeit eines zweitenIch gegenübergestellt. DieStimme des Gewissens, ein noch heuteauch in ethischen Werken vielgebrauchter Ausdruck, verdankt dernämlichen mythologischen Gedankenreihe ihre Entstehung. Der Affectund das Urtheil, die sich mit dem Bewusstsein der Motive und Ten-denzen des Handelnden verbinden, gelten hier nicht als dessen eigenepsychische Acte, sondern als Vorgänge, die von einer fremden Machtausserhalb herrühren, die auf sein Bewusstsein räthselhaft einwirke.Da diesem mythologischen Denken fortwährend philosophische Nei-gungen entgegenkommen, so haben sich jene ursprünglichen Vor-stellungen wenig verändert in die ethischen Systeme hinein fortgesetzt.Gilt letzteren das Sittengesetz als ein unmittelbares Gebot Gottes, soist es eine nahe liegende Idee, dieStimme des Gewissens in dieStimme Gottes zu verwandeln. In der That wird ja schon dieSprache, als sie das Gewissen ein Mitwissen nannte, darunter ur-sprünglich ein göttliches Mitwissen verstanden haben. Denn zuder Vorstellung, dass die Götter die Thaten der Menschen sehen,war frühe schon die andere getreten, dass sie in das menschlicheHerz blicken. Hier wie so oft bewegt sich der Gedanke im Cirkel.Zuerst objectivirt der Mensch seine eigenen Gefühle, und dann sollendie so entstandenen Objecte wiederum seine Gefühle erklären.

Wurde aber selbst das Gewissen nicht mehr in dieser mytho-logischen Weise als eine dem Ich fremde Thätigkeit angesehen, someinte man es doch von den Motiven und Neigungen, welche dieHandlung bestimmen, völlig trennen zu sollen. Ein unmittelbares,etwa in Kants Sinne aus dem intelligibeln Charakter entsprungenesPflichtbewusstsein sollte als kategorischer Imperativ allen sonstigenMotiven gegenübertreten, und an diesem Imperativ sollten nun jeneMotive selbst und der empirische Charakter gemessen werden. Aberauch diese Auffassung, die als eine philosophische Umformung der

*) Gass, Die Lehre vom Gewissen, S. 14, sieht einen charakteristischenUnterschied der deutschen Sprache darin, dass bei ihr das Gewissen ein un-mittelbares Wissen, kein Mitwissen bezeichne. Aber das Präfix Ge- ist in seinerGrundbedeutung identisch mit Con-, und ohne Zweifel ist sogar das Wort Ge-wissen, welches natürlich nicht der Volkssprache sondern der gelehrten Literaturseinen Ursprung verdankt, eine directe Uebersetzung des lateinischen Conscientia.