Die verschiedenen Auffassungen des Gewissens.
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Vorgang, dessen logischen Abschluss die Selbstbeurtheilung bildet,ist aber ursprünglich kein Urtheilsprocess, sondern er tritt, ehe ersich zu diesem entwickelt, in der Form gefühlsstarker Vorstellungenauf, an die unmittelbar Affecte der Billigung und Missbilligung ge-knüpft sind. Indem diese mit einander in Streit gerathen, könnensie zugleich die Antriebe zu entgegengesetzten Acten der Selbst-beurtheilung in sich schliessen. Die Sprache nennt alle diese innerenZustände, sofern nur ihr selbstbewusster Ausdruck zu einem Urtheilüber die eigenen Motive und den eigenen Charakter des wollendenSubjectes wird, das Gewissen.
Hiernach entspricht dieses Wort keineswegs einem wohldefinirtenBegriffe. Nicht einmal auf das sittliche Gebiet ist es ursprünglichbeschränkt, da es ebenso weit reicht, als überhaupt Selbstbeurthei-lung mit ihren Vorbereitungsstadien Vorkommen kann. So redenwir von einem logischen, ästhetischen, politischen Gewissen u. dergl.,ohne dass sich diese Begriffe auch nur theilweise mit dem sittlichenGewissen decken müssten. Bedenklicher noch ist es, dass die Sprachealle jene Stadien vom primitiven Affect, der eigene Handlungen be-gleitet, bis zur ausgebildeten Selbstbeurtheilung mit einem und dem-selben Namen belegt; und deutlich reflectirt sich diese Unbestimmtheitin den ethischen Theorien, die bald das Wesen des Gewissens, wieviele der neueren theologischen Ethiker, in das Gefühl oder den Trieb,bald mit Kant in einen inneren Urtheilsprocess verlegen, bald esnach der Lehre der Scholastik und der Wolff’schen Schule sogar alseinen Schluss betrachten, bei dem die sittliche Norm den Obersatzund die concrete Handlung den Untersatz bilden soll. Abgesehenvon dieser gekünstelten Theorie des „Syllogismus practicus“, dieauch hier eine nachträgliche Reflexion über den Gegenstand in denGegenstand selber verwandelt, darf wohl gesagt werden, dass jededer erwähnten Auffassungen für gewisse Fälle wahr und für anderefalsch ist, — ein Schicksal das eben mit der psychologisch viel-deutigen Beschaffenheit des Begriffs zusammenhängt. Der einzelneGewissensact kann Gefühl, Affect, Trieb, Urtheil sein; ein Gewissenaber, das ausserhalb dieser einzelnen Acte der menschlichen Seeleals ein Separatvermögen zukäme, gibt es nicht; der Begriff in seinemallgemeinen Sinne ist daher nur eine Verallgemeinerung aus allenjenen einzelnen, unter sich wieder verschiedenartigen Thatsachen, diebloss in der Beziehung auf die Motive und den Charakter des eigenenIch ihren Zusammenhalt finden.
Schlimmer als diese Vieldeutigkeit und selbst als die Vorstei-
Wundt, Ethik. 2. Aufl. Bl