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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der sittliche Wille.

Wenn das Sprichwort sagt, dass man die Menschen an denFrüchten ihrer Handlungen erkenne, so lässt sich wenigstens vonden philosophischen Lehren auch umgekehrt sagen, dass sie nichtselten erst durch den Charakter derjenigen die sie aufstellen ihrerechte Beleuchtung empfangen. An der Ausbildung des heute dier populäre Metaphysik beherrschenden Indeterminismus haben sich'"vornehmlich zwei philosophische Schulen betheiligt, der scholastischeNominalismus des vierzehnten und fünfzehnten und die theologischeUtilitätsmoral des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. DieNominalisten vertraten, im Gegensätze zu der aus einem tief reli-giösen Bedürfnisse entsprungenen Prädestinationslehre eines Augu-stinus und Luther, den unbedingten Indeterminismus, den sie aufGott übertrugen, so dass ihnen das Sittengesetz nicht durch sichselbst, sondern nur durch seinen Ursprung aus dem göttlichen Be-fehl als geheiligt galt, ein bequemes Mittel um äusserliche Vor-schriften, wie sie der Kirche gerade genehm sein mochten, zumgleichen Rang mit dem Sittengesetz selbst zu erheben. Die Probeauf den ethischen Werth dieses Systems war der Ablasshandel. Soweit ist es mit der theologischen Utilitätsmoral der folgenden Jahr-hunderte nicht gekommen; aber der dürftige Rationalismus dieserTheologie und der plumpe Egoismus dieser Moral waren doch ganzdazu angethan, alle tiefer angelegten Geister entweder dem Frei-denkerthum oder dem Mysticismus in die Arme zu treiben. Dersittliche Ernst der Kantisclien Ethik erhob sich weit über die Ge-dankenarmuth dieses vulgären Indeterminismus. Aber Kant blieb indem Banne des naturalistischen Causalbegriffs befangen. Wohl er-kennend, dass mit diesem auf sittlichem Gebiete nicht auszukommensei, trennte er die Vernunft, als das Vermögen zu dem Bedingtendie Bedingungen zu suchen, von dem Verstandesbegriff der Ursache,der doch in Wahrheit nichts anderes als eine Bethätigung ebenjenes Vermögens ist. So gewann er seine gänzlich unhaltbare Doppel-betrachtung des menschlichen Wesens, wonach dieses in allen seinenHandlungen die der Erscheinung angehören der Causalität der Naturunterworfen, als intelligibler Charakter aber in Bezugs auf die näm-lichen Handlungen frei sein sollte, eine hinter den Gegensätzendes Phänomenalen und Intelligibeln verschanzte Vereinigung vonWidersprüchen, die durch die merkwürdige Lehre gekrönt wurde,dass in dem Willen das Intelligible selbst phänomenal werde.

Das Merkmal der sittlichen Verantwortlichkeit ist uns überalldie Causalität des Charakters. Der Mensch handelt im ethi-