Individualwille und Gesammtwille im Lichte der Actualitätstheorie. 461
Bestrebungen von dem allgemein menschlichen Hintergründe sichabhebt, repräsentirt einen Gesammtwillen, der in allen den Eigen-schaften selbständige Realität besitzt, in denen er als selbstthätigeKraft theils auf die Einzelwillen, die unter ihm enthalten sind, theilsauf die ihm übergeordneten Lebenskreise einwirkt. So ist der Indi-vidualwille nur das letzte Glied einer Stufenfolge, deren aufsteigendeOrdnung sich schliesslich im Unendlichen verliert. Denn die Willens-antriebe, die ein allgemein menschlicher Besitz sind, stehen ihrerseitswieder unter dem Einflüsse historischer Bedingungen, deren letzteGründe für uns unerforschlich bleiben. Darum postulirt die religiöseWeltanschauung, diesen unendlichen Regressus ergänzend, den gött-lichen Willen als eine letzte und höchste Einheit, aus der sich allejene Stufen endlicher Verwirklichung des Willens entfalten.
Auch der Begriff des führenden Geistes gewinnt aber durchdiese Stufenfolge der Willensentwicklungen eine nach Inhalt und Um-fang veränderliche Bedeutung. Familie, Gemeinde, Berufsverband,Schule, Bildungsgemeinschaft und Staat, alle diese Lebenskreise be-ruhen auf einer Wechselwirkung von Individual- und Gesammtwillen,wobei in der Mehrzahl der Individualwillen das passive, empfangendeMoment überwiegt, während jene actuelle Wirksamkeit, aus der alleVeränderungen und Neugestaltungen entspringen, den führendenGeistern zufällt. So ist der Individualwille überall die ursprünglicheschöpferische Kraft des Geistes. Die ungeheuren Wirkungen, dieauf uns fortan die Gesellschaftskreise ausüben, in denen wir ent-standen sind und leben, gehen zwar aus Gesammtkräften hervor, diesich niemals in eine blosse Summe isolirter Willenselemente zerlegenlassen; aber jeder neue Anstoss in dieser Entwicklung führt auf einenindividuellen Ursprung zurück. Denn hierin liegt ein wichtigerCharakterzug jeder Art geistigen Lebens, dass das Einzelne nichtvereinzelt bleibt, sondern allgemein wird. Der Individualwille gehtin den Allgemeinwillen über, um aus diesem abermals individuelleGeister von schöpferischer Kraft zu erzeugen.
Auch dieser durch die Anschauung des Weltlaufs unmittelbarsich darbietenden Idee gibt die religiöse Vorstellung ihren Abschluss,indem sie mit der Gottesidee die Vorstellung eines lenkenden Geistesverbindet, dessen persönlicher Willensact der letzte Grund der ge-sammten geistigen Entwicklung sei, einer Entwicklung von welcherder empirische Weltlauf nur abgerissene, in ihrer Vereinzelung schwerzu enträthselnde Bruchstücke uns darbietet. So verbindet das religiöseDenken in der transcendenten Gottesidee die beiden in der Er-