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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der sittliche Wille.

nach der bekannten Regel, dass sich die Extreme berühren, — ge-legentlich innerhalb der Hegel’schen Schule selbst in den äusserstenIndividualismus übersprang*).

Zunächst allerdings schöpft das individuelle Bewusstsein ganzund gar aus dem Schatz der ihm von aussen zugeführten, ihm mitseiner Umgebung gemeinsamen Ideen. Aber allmählich verarbeitetes diese selbständig, und es entwickeln sich in ihm Willensimpulse,die zwar in der allgemeinen Willensrichtung vorgebildet, nicht aberzureichend zusammengefasst sind, um als actuelle Kräfte wirksamzu werden. Hier kommt nun dem Individualwillen die Eigenschaftenergischer und selbstbewusster Concentration auf bestimmte Zielezu statten, die dem Gesammtwillen so lange abgeht, als ihm solcheZiele nicht durch einzelne, die Willensrichtung ihrer Zeit und Um-gebung in sich sammelnde Individuen gezeigt werden. Hierauf be-ruht die ungeheure Bedeutung der führ enden Geister. In jedemEinzelbewusstsein spiegelt sich in irgend einer Weise das Gesammt-bewusstsein an dem es theilnimmt, aber zumeist einseitig und durchVorurtheile beschränkt. Vorurtheile sind überkommene Denkgewohn-heiten, Ideen einer vergangenen Zeit, die für diese meist adäquatwaren, angewandt auf Probleme der Gegenwart aber zu täuschendenTrugbildern werden. Das Gedächtniss ist ja das seelische Vermögen,das in uns Allen am meisten geübt wird. Es lässt uns die Gegen-wart im Lichte der Vergangenheit und die Zukunft im Lichte derGegenwart sehen. Führende Geister sind aber die, die sichder treibenden Kräfte des öffentlichen Geistes klarer als Andere be-wusst werden, die diese Kräfte in sich gesammelt und so sich be-fähigt haben aus eigenem Vermögen deren Richtung zu bestimmenoder zu verändern, so weit dies innerhalb der Grenzen der allgemeinenWillensrichtungen geschehen kann.

Wie die Kräfte des Individualwillens je nach der Macht, dieer ausübt, und der Gunst der Bedingungen, unter denen er sich ent-falten kann, engere oder weitere Kreise ziehen, so steht ihm aberauch der Gesammtwille nicht als ein einziger und untheilbarer, sondernals eine Stufenordnung einheitlicher Willensmächte gegenüber. Jedeengere Gemeinschaft, die durch übereinstimmende Vorstellungen und

*) Hierher gehören Ludwig Feuerbach und namentlich Max Stirnermit seinem Buch „Der Einzige und sein Eigenthum“; verwandter Art sind aberauch die Bestrebungen Ferdinand Lassalles, der in eigentümlicher Weisedie in der französischen Revolution zur That gewordenen extrem individualisti-schen Ideen eines Rousseau mit Hegelsehem Historismus verbindet.