Individualwille und Gesammtwille im Lichte der Actualitätstheorie. 459
Jahrhunderte verrathen. Denn, wenn nicht alle Zeichen trügen, sovollzieht sich heute eine Umwälzung der Geister, in welcher dereinseitige Individualismus der Aufklärungszeit zur universellen Tendenzder antiken Weltanschauung zurückkehrt, wobei diese zugleich durchdie freiere Auffassung der menschlichen Persönlichkeit bereichertwird, die wir jenem Individualismus verdanken.
Der Massstab für die Grenze zwischen Individualwille und Ge-sammtwille und innerhalb des letzteren wieder zwischen den weiterenund engeren Gestaltungen desselben ist für uns demnach kein hypo-thetischer, sondern ein thats'ächlicher, kein ausserhalb des Be-wusstseins liegender, sondern ein voll bewusst er. Wille und Vor-stellungsinhalt des Bewusstseins sind individuell, insoweit sie derindividuellen Persönlichkeit specifisch eigenthümlich sind; sie gehörenzu einem Gesammtwillen, insoweit sie einer Gesellschaft vonIndividuen gemeinsam sind. Besteht die individuelle Seele immernur in der actuellen seelischen Thätigkeit, nicht in einemdavon verschiedenen für sich existirenden Substrat, so ist damitvon selbst die Berechtigung gegeben jenem Gesammtwillen keinengeringeren Grad von Realität zuzuschreiben als dem Individualwillen.Auch die historische Continuität, die unser Bewusstsein mit demeiner andern Zeit verbindet, besitzt genau so viel Wirklichkeit, alsihr im Bewusstsein zukommt. Vergangene und künftige Geschlechterleben mit uns wirklich ein Lehen, nicht bloss scheinbar, wie diesder psychologische Atomismus annimmt. Cultur und Geschichte bildenein wahres Gemeinleben, nicht bloss eine zufällige Resultante zahl-loser Binzelbestrebungen, die sich nur äusserlich berühren und inihren letzten Zielen weit auseinandergehen.
Nicht jeder Individualwille aber hat in dem Ganzen der geistigenEntwicklung die gleiche Bedeutung. Auch hier gilt der Satz: soviel Actualität, so viel Realität. Der Einzelwille, der vonden die Gesammtheit bewegenden Vorstellungen und Strebungen er-füllt ist und sie in seiner eigenen Thätigkeit zu selbstbewusster Wirk-samkeit erhebt, ist nicht nur der Vollbringer des Gesammtwillens,sondern selbst wieder befähigt die Züge seines individuellen Geistesder Gemeinschaft aufzuprägen. Nichts ist daher einseitiger als, wiees dem speculativen Historismus Hegels widerfuhr, nur in dem Ge-sammtwillen die objective ethische Macht, in dem Individualwillennichts als dessen unbewussten Träger und Vollbringer zu sehen.Das ist der volle Gegensatz zu dem ebenso einseitigen Individualismusdes vorangegangenen Zeitalters, ein Gegensatz, der denn auch —