Individualismus und Universalismus.
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als wenn sie eine solche besässen betrachtet werden sollen*). Inder Tbat, wenn der Einzelwille allein existirt, und wenn, was damitzusammenhängt, alle ursprünglichen Triebe egoistischer Art sind,so bleibt gar nichts übrig, als in allen den willkürlichen Lebens-äusserungen, zu denen der Einzelne als solcher nicht fähig wäre,entweder Hülfsmittel zu sehen, die durch irgend eine Art vertrags-mässiger Uebereinkunft geschaffen sind, oder die Frage ihrer Ent-stehung in das metaphysische Dunkel des letzten Ursprungs derDinge zurückzuverlegen.
Alle jene Fictionen müssen nun aber vor der einfachen That-sache verschwinden, dass der isolirte individuelle Mensch, den sievoraussetzen, in keiner Erfahrung existirt und zweifellos nie in einersolchen existirt hat. Wir kennen den Menschen nur als ein socialesWesen, gleichzeitig beherrscht von einem Einzelwillen und voneinem Gesammt willen; und nichts spricht dafür, dass dieser erst ausjenem entstanden sei. Vielmehr ist die relative Verselbständigungdes Einzelwillens immer nur ein Ergebniss später Entwicklung.Wie das Kind seines individuellen Willens allmählich erst inne wirdund langsam aus einer Umgebung heraus, von der es sich selbstkaum unterscheidet, zur individuellen Persönlichkeit sich entwickelt,so ist auch im Naturzustände das gemeinsame Fühlen, Wollenund Denken das vorherrschende. Der Mensch individualisirt sichaus einem Zustande socialer Indifferenz heraus; aber er individualisirtsich nicht, um sich bleibend von der Gemeinschaft zu lösen aus derer hervorging, sondern um sich ihr mit reicher entwickelten Kräftenzurückzugeben. So wenig wir entlegener Motive oder verwickelterReflexionen bedürfen, um egoistisches Handeln zu erklären, ebensowenig sind solche bei den einfachsten Bethätigungen der Sorge fürAndere oder bei den primitivsten Aeusserungen des Gemeinsinnszulässig. Dass wer ins Wasser fällt sich zu retten sucht, erscheintuns als eine selbstverständliche ßeaction des allverbreiteten Triebesder Selbsterhaltung. Dass Jemand in den Fluss springt um einenAndern zu retten, dazu sollen mannigfache Zwischenprocesse, einedie Empfindungen des Andern in das eigene Bewusstsein herüber-nehmende Sympathie, Associationen die allmählich die Alleinherr-schaft der selbstischen Triebe unwirksamer machen, oder gar Ver-standesreflexionen über die Nützlichkeit selbstloser Handlungen, er-forderlich sein. Aber von allen diesen Dingen, die Psychologen und
') Metaphysik der Sitten, S. 58, 161.