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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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410 Allgemeine Kritik der Moralsysteme.

II. Die autonomen Moralsysteme.

1) Der Eudämonismus, welcher vorkommt als:

a) Individueller Eudämonismus oder Egoismus,

b) Universeller Eudämonismus oder Utilitarismus.

2) Der Evolutionismus, welcher vorkommt als:

a) Individueller Evolutionismus,

b) Universeller Evolutionismus*).

2. Die autoritativen Moralsysteme.

Diese Systeme begehen den Fehler einer Umkehrung derethischen Causalität. Die Erzeugnisse der sittlichen An-schauungen werden zu Ursachen derselben gemacht. Am offen-kundigsten ist dieser Fehler bei der politischen Heteronomie.Dass die staatliche Gesetzgebung, namentlich insoweit sie einen Ein-fluss auf die sittliche Lebensführung der Staatsbürger beansprucht,selbst zunächst unter dem Einfluss sittlicher Anschauungen steht, istangesichts der geschichtlichen Entwicklungsbedingungen politischerInstitutionen unzweifelhaft. Bei der religiösen Heteronomie istdie Umkehrung vielleicht deshalb weniger augenfällig, weil derUrsprung der religiösen Vorstellungen im allgemeinen in eine weitfrühere Zeit zurückreicht als derjenige ausgebildeter politischer Ge-setzgebungen. Darum sind ja in der That die sittlichen Anschau-ungen anfänglich so innig mit den religiösen verwachsen, dass voneiner Feststellung der Priorität der einen oder andern nicht die Redesein kann. Gerade aber weil das Völkerbewusstsein sein eigenessittliches Leben in seine mythologischen Vorstellungen hineinträgt,verwandeln sich nun die Götter selbst in die Urheber des Sitten-gesetzes, ein Gedanke, welcher dann durch die Entwicklung derVergeltungsideen immer festere Wurzeln fasst.

Als die in dem allgemeinen Bewusstsein lebendige Vorstellungüber das Verhältniss des Sittlichen zum Religiösen in die Wissen-schaft überging, konnte jedoch die letztere nicht umhin über den

*) Die einzige mir bekannt gewordene Classification, die mit dieser theil-weise zusammenfällt, ist die von Sidgwick (Methods of Ethics, Introd. §.4).Er unterscheidet fünf Systeme: individuellen und universellen Evolutionismus,individuellen und universellen Hedonismus, und Intuitionismus. Die heteronomenSysteme sind also von Sidgwick nicht berücksichtigt; der Intuitionismus aberberuht auf einem den andern Systemen heterogenen Eintheilungsgrund.