Die utilitarische Ethik unter dem Einfluss der Descendenzlehre. 403
und Zünfte, sondern auch die Tiieilung der politischen Gewalten,der gesetzgebenden, richterlichen und verwaltenden, betrachtetSpencer als Beispiele dieser Differenzirungen. Als der wichtigstesie bestimmende Einfluss erscheint ihm aber die Sonderung der ge-schichtlichen Entwicklung in die zwei Stadien des kriegerischen unddes industriellen Zustandes, die vielleicht noch lange gemischt mit ein-ander fortbestehen, schliesslich jedoch, wie Spencer mit Comte glaubt,der Herrschaft des industriellen Geistes Platz machen müssen. Wäh-rend der kriegerische Zustand ein zwangsweises Zusammenwirken derGlieder des Ganzen und daher eine festere und einheitlichere Verbin-dung derselben fordert, wird die Regierungsorganisation des indu-striellen Systems das Ergebniss eines freiwilligen Zusammen-wirkens der Einzelnen sein. Insofern diese nicht selbst die Regie-rung ausüben können, werden daher frei gewählte Vertretungenbis hinauf zu den höchsten Spitzen der Regierungsgewalt mit derFührung der allgemeinen Angelegenheiten betraut sein. Auf dieseWeise führt Spencers Geschichtsphilosophie auf dem Unterbau einerorganischen Staatslehre und im Widerspruch zu den sonst aus derletzteren gezogenen Folgerungen zu einer streng individualistischenAuffassung der Gesellschaftsorganisation der Zukunft, welche esbegreiflich macht, wie dieser Ethiker auch in einzelnen praktischenFragen eine Stellung einnimmt, die dem egoistischen Utilitarismusder Staatstheorien des vorigen Jahrhunderts entspricht. Es scheintihm geradezu absurd das einfache Princip aufgeben zu wollen, „dassjedermann die Ziele seines Lebens selbständig verfolgen darf undnur in den Schranken bleiben muss, welche das gleiche Recht seinerMitmenschen ihm setzt“*).
Neben dieser eigenthümlichen Anlehnung an die Descendenzlehrehat es übrigens auch an manchen andern ethischen Anwendungenderselben nicht gefehlt, bei denen man besonders die von Spencereingeführten physiologischen Hülfshypothesen zu vermeiden suchte.So will Leslie Stephen**) auf alle Hypothesen verzichten, nur dieethischen Thatsachen selbst prüfen. Aber da diese zeigen, dass derBegriff der „Moralität“ ein fliessender, von gesellschaftlichen undhistorischen Bedingungen abhängiger ist, so scheint ihm dadurchallein schon der Standpunkt des Evolutionismus gefordert zu sein.
*) Von der Freiheit zur Gebundenheit, deutsch von W. Bode. Berlin 1891.Justice, part IV of the prine. of ethics. London 1891.
**) Leslie Stephen, The Science of ethics. London 1882.