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Die neuere Ethik.
Von diesem aus verwirft er nun den gewöhnlichen Utilitarismus,weil der Begriff „Nutzen“ ein vieldeutiger, mit dem Zustand derGesellschaft wechselnder sei, und weil die Formel des „grösstmög-lichen Glücks der grösstmöglichen Zahl“ die Gesellschaft atomistischin eine Unzahl gleichartiger Individuen aufgelöst denke, statt sie alsorganisch gegliedertes Ganzes ins Auge zu fassen. Ueberdies pflegeder Nutzen zwar das Endresultat, nicht aber der unmittelbare Zweckmoralischer Handlungen zu sein. Der Ursprung derselben liegevielmehr in den Gefühlen, vor allem in der Sympathie, dieserletzten Quelle unserer altruistischen Neigungen, die darauf beruhe,dass wir uns selbst in das Bewusstsein eines Andern versetzen. In-dem wir aber durch Sympathie befähigt werden für Andere zu han-deln, nehmen wir Theil an der Organisation der Gesellschaft, dieihrerseits wieder auf den Einzelnen Rückwirkungen ausübt und soallmählich das zum Moralgesetz erhebt was für das Wohlbefindendes jeweiligen Zustandes des Ganzen förderlich ist. Moralität istalso für die Gesellschaft was Gesundheit für den einzelnen Körper;und da der Gesellschaftsorganismus sich in steter Entwicklung be-findet, so ist das Moralische ebenso wenig ein unter allen Bedin-gungen Constantes, wie es etwa eine für alle Lebensalter und Con-stitutionen unveränderliche Diät gibt.
Unverkennbar stehen diese Anschauungen dem objectiven Evo-lutionismus und der Gesellschaftstheorie Comtes näher als der strengindividualistischen Ethik Herbert Spencers. So verräth sich über-haupt in der heutigen englischen Moralphilosophie vielfach das Be-streben, den Utilitarismus Benthams und Mills nicht bloss mit denVoraussetzungen der Entwicklungslehre sondern auch mit den früherenRichtungen namentlich der emotionalen und der intuitiven Ethik zuversöhnen*).
Die Schilderung der ethischen Strömungen und Richtungender Gegenwart, bei denen wir hiermit angelangt sind, liegt ausser-halb der Grenzen dieser Darstellung des geschichtlichen Entwick-lungsganges der sittlichen Weltanschauungen. Wenn nicht allestrügt, so trägt unsere Zeit, hier wie in andern Dingen, die Merk-male einer Uebergangsepoche an sich, in der die mannigfaltigstenin der Vergangenheit zur Ausbildung gelangten Richtungen nach-
*) Vergl. besonders H. Sidgwick, The methods of ethies. 3. edit. Lon-don 1884.