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Die neuere Ethik.
er sie aus der individuellen auf die generelle Entwicklung überträgt,wo sie natürlich, da nun ungezählte Reihen von Generationen zurVerfügung stehen, wesentlich vermindert wird. Im Menschen-geschlecht haben sich nach ihm gewisse fundamentale moralischeGefühle und Anschauungen entwickelt und sind noch fortan imBegriff sich weiter zu entwickeln. Sie sind das Ergebniss von Erfah-rungen über das Nützliche, die im Laufe der Entwicklung angesam-melt, organisirt und vermöge der Uebertragung auf das Nerven-system mit den Anlagen des letzteren vererbt wurden. Die moralischenAnlagen werden also in Gestalt physischer Dispositionen vererbt,aber wirksam werden sie in Gestalt in uns hegender moralischerVorstellungen. Auf diese Weise erneuert sich in Spencer der altevon Locke bekämpfte Intellectualismus eines Cudworth auf materia-listischer Grundlage. Die moralischen Vorstellungen, wenn auch ineiner rohen und unbestimmten Form, sind uns angeboren. Aber siesind nicht, wie die Cartesianer angenommen, direct von Gott inunsere Seele gepflanzt, sondern von unseren Vorfahren erworben undin den Anlagen des Nervensystems auf uns übergegangen. Nebender auch von andern Physiologen und Psychologen getheilten Hypo-these, dass die Nervenzellen des Gehirns permanente Träger vonVorstellungen seien, schliesst demnach die Spencer’sche Theorie nochdie weitere Annahme eines Uebergangs der Zellen sammt den Vor-stellungen, von denen sie besetzt sind, von den Voreltern auf dieNachkommen in sich.
Diese Anschauungen Spencers über die Grundlagen der indivi-duellen sittlichen Entwicklung werden noch ergänzt durch die Lehrevon den Gesellschaftsformen, die er in seiner „Sociologie“ be-handelt*). Wie die individuelle Entwicklung auf die der Gattungzurückweist, so ist hinwiederum die Organisation der Gesellschaftanalog dem individuellen Organismus zu denken. Insbesonderefindet bei ihrer Bildung und bei dem Wachsthum der socialenGebilde, die sie zusammensetzen, eine analoge Integration letzter or-ganischer Einheiten statt, wie eine solche dem Wachsthum desEinzelorganismus zu Grunde liegt. Aber daneben spielen hier dieentgegenwirkenden Kräfte der Desintegration, durch welche dieentstandenen Verbände sich wieder zu gliedern streben, eine be-deutsame Rolle. Nicht nur die Sonderung der Stände, der Gilden
*) Principien der Sociologie, deutsch von Vetter. Vergl. bes. Bd. II,Cap. I—XII und Bd. III, Cap. XIX.