Die utilitarische Ethik unter dem Einfluss der Descendenzlehre. 401
hatte den Gedanken der Entwicklungslehre schon erfasst und aus-gesprochen, ehe Darwins bahnbrechende Arbeiten erschienen. Immer-hin sind letztere auf die Durchführung seines Systems nicht ohneEinfluss geblieben. Besonders gilt dies wohl von der Ethik, dem-jenigen Theile, mit dem sich Spencer zuletzt beschäftigte*).
Von den Begriffen der Anpassung und Vererbung sind Spencersethische Anschauungen beherrscht. Dem Princip der Anpassung ge-mäss fällt auch ihm das Sittliche mit dem Nützlichen und dieseswieder mit dem den vorhandenen Lebensbedingungen des MenschenAngemessenen zusammen. Da nun diese Lebensbedingungen ver-änderliche sind, so befinden sich auch die sittlichen Vorstellungenin einem fortwährenden Flusse, und es kann von einem absoluten,für alle Zeiten gültigen Sittengesetze nicht die Rede sein, wenn auchnicht geleugnet wird, dass es Handlungen gibt, die zu allen Zeitenals schädlich, und andere, die zu allen Zeiten als nützlich erkanntworden sind, ähnlich wie auch schon die physische Organisation aufihren verschiedenen Entwicklungsstufen in Bezug auf gewisse all-gemeinste Lebensbedingungen ein übereinstimmendes Verhalten dar-bietet. Dieser relative Werth der sittlichen Begriffe wird von Spencer,wie auch schon von Darwin, energisch betont, und ein specifisclierUnterschied des Sittlichen von andern Formen des Nützlichen wirddaher in keiner Weise von ihm anerkannt. Zwar gesteht er zu,dass es im allgemeinen nützlicher und darum sittlicher sei, die augen-blicklichen Vorth eile, auch wenn sie zunächst grösser erscheinen,später eintretenden aber bleibenderen hintanzustellen. Doch er hebtausdrücklich hervor, dass dieses Verhältniss nur für den gegen-wärtigen Zustand des Menschengeschlechts gelte, und dass es auchhier Ausnahmen erleide.
Bewegen sich die von der Idee der nützlichen Anpassung ge-tragenen Ausführungen zumeist in den Bahnen des seitherigenUtilitarismus, so tritt dagegen ein neues Moment hinzu in denSchlussfolgerungen, zu welchen Spencer mittelst des Vererbungs-princips gelangt, und in denen er zugleich die unbestimmter gehal-tenen Andeutungen Darwins ergänzt. Eine Hauptschwierigkeit desBentham’schen Utilitarismus hatte darin bestanden begreiflich zumachen, wie unter Führung der ursprünglichen und an sich egois-tischen Lust- und Unlusttriebe das Gemeinnützige zum Motiv desHandelns werden könne. Spencer löst diese Schwierigkeit, indem
*) Die Thatsachen der Ethik. Uebersetzt von B. Vetter. Stuttgart 1879.
Wundt, Ethik. 2 . Aull. 26