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Die neuere Ethik.
sind. Zu den auf solche Weise durch natürliche Züchtung ent-wickelten Eigenschaften gehören auch die socialen Instincte*).Nun ist der Mensch zweifellos ein sociales Thier, von den niederenThieren nur durch die Fähigkeit der Reflexion unterschieden. Wahr-scheinlich haben schon seine alfenartigen Stammeltern die gleichenInstincte besessen. Nach den allgemeinen Vererbungsgesetzen müssenaber allmählich die beständigeren Instincte die unbeständigeren über-winden, und die für die Gattung nützlichen werden jedesmal wiedergegenüber denjenigen, die bloss der Selbsterhaltung dienen, die be-ständigeren sein; darum liegt in allen social lebenden Thieren dieAnlage zur Moralität. Doch wird ein sociales erst dadurch zu einemmoralischen Wesen, dass es seine vergangenen und zukünftigenHandlungen oder Beweggründe unter einander zu vergleichen unddaher zu billigen oder zu missbilligen im Stande ist. Moralität istmit einem Worte der unter der Controle der Intelligenz stehendesociale Instinct. Der Inhalt aller Sittengebote wird daher bestimmtdurch die Bedürfnisse der Gattung; und das „allgemeine Beste“ istnichts anderes als die Summe der Mittel, „ durch welche die grösst-mögliche Zahl von Individuen in voller Kraft und Gesundheit exi-stiren kann“. Wäre der Mensch unter genau denselben Zuständenerzogen wie die Stockbiene, so liesse sich kaum zweifeln, „dassunsere unverheiratheten Weibchen es ebenso wie die Arbeiterbienenfür ihre heilige Pflicht halten würden ihre Brüder zu tödten, unddass die Mütter suchen würden ihre fruchtbaren Töchter zu ver-tilgen“**). Sicherlich würde es ungerecht sein, nach solchen Aus-führungen die ethische Bedeutung der Darwinschen Anschauungen ab-schätzen zu wollen. Stammen sie doch vielmehr aus der einseitigenBetonung, des Nutzens der Entwicklungen, als aus dem Entwicklungs-princip selber. Diesem aber wird man gerade in der von Darwinhervorgehobenen Vervollkommnung der Individuen und Arten imKampfe ums Dasein weder die allgemeine Gültigkeit für den Men-schen noch auch die Möglichkeit einer ethischen Anwendung ab-sprechen können.
Diesen Evolutionismus der Descendenztheorie hat noch ein-gehender als Darwin und grossentheils unabhängig von ihm HerbertSpencer auf die Moralphilosophie anzuwenden versucht. Spencer
*) Darwin, Die Abstammung des Menschen. Bd. I, Cap. 3. Deutsche
Ausg. S. 79 ff.